Fromuth Heene: „Krieg gehört zum ältesten Geschäft der Welt.“
Frau Fromuth Heene besuchte die ILA Berlin (Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung Berlin), um den Mitgliedern des Außen- und Sicherheitspolitischen Arbeitskreises (ASP) im Landkreis Starnberg über die dort vorgestellten sicherheitspolitischen Entwicklungen zu berichten. Der Arbeitskreis informiert die Bürger regelmäßig über sicherheitspolitische Themen und aktuell insbesondere über die Erkenntnisse von der ILA.
Die Berliner Kriminalitätszeitung hatte die Gelegenheit, mit Frau Fromuth Heene, der Vorsitzenden des Außen- und Sicherheitspolitischen Arbeitskreises Starnberg, ein Interview zu führen.
BKZ: Was sind deine Kernaufgaben und wie sieht dein Tagesablauf aus?
Fromuth Heene:
Die Arbeit im und für den ASP erfolgt vollständig ehrenamtlich. Uns ist wichtig, insbesondere unsere Bürger, vertieft zu informieren. Das geschieht durch Veranstaltungen, unseren Newsletter „Blitzlicht“ und durch unsere Social-Media-Aktivitäten.
Wenn es meine Zeit erlaubt, beginnt mein Tag mit etwa zwei Stunden Medienstudium. Ich verschaffe mir einen Überblick darüber, was sicherheitspolitisch in der Welt, in Deutschland und in Europa geschieht.
Unser Arbeitskreis betreibt eine Facebook-Gruppe. Dort veröffentlichen wir Auszüge der wichtigsten sicherheitspolitischen Themen. Wer unserer Seite regelmäßig folgt, erhält einen breiten Überblick über die aktuellen sicherheitspolitischen Entwicklungen weltweit. Besonders wichtig ist dabei, dass wir auch internationale Medien berücksichtigen, denn nur so entsteht ein umfassendes Bild.
Ich habe unter anderem die New York Times und die Washington Post online abonniert. Aus Deutschland nutze ich unter anderem Die Welt, Bild, das Handelsblatt sowie die Neue Zürcher Zeitung.
Darüber hinaus kümmere ich mich um unseren Newsletter „Blitzlicht“ sowie um die Vorbereitung unserer Veranstaltungen.
BKZ: Was waren für dich die fünf wichtigsten Themen der vergangenen Monate?
Fromuth Heene:
Das waren natürlich der Krieg in der Ukraine und der Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran, die weitere Ertüchtigung der Bundeswehr, die Stärkung unserer Verteidigungsindustrie sowie ganz grundsätzlich die Erkenntnis, dass Deutschland sich nicht mehr in den vergleichsweise friedlichen Zeiten der Vergangenheit befindet. Deshalb müssen wir uns auf die veränderte sicherheitspolitische Lage einstellen.
BKZ: Welche menschlichen Quellen nutzt du für dein sicherheitspolitisches Lagebild?
Fromuth Heene:
Es sind vor allem Fachleute, die in der Öffentlichkeit nicht immer bekannt sind. Allerdings kann ich diese Quellen nicht namentlich nennen.
Für die Information unserer Bürger bemühen wir uns, ausgewiesene Experten für Vorträge zu gewinnen. Im militärischen Bereich gehören dazu beispielsweise der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer, der frühere Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz, sowie im Herbst, der aktuelle Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Holger Neumann.
Zum sicherheitspolitischen Bereich gehört jedoch auch die Verteidigungsindustrie. Ohne eine leistungsfähige eigene Verteidigungsindustrie ist eine souveräne Stärkung der Bundeswehr nur schwer möglich. Wir konzentrieren uns dabei besonders auf Unternehmen im Landkreis Starnberg. Gleichzeitig beobachten wir selbstverständlich auch die Entwicklungen großer Unternehmen wie Airbus, Rheinmetall, MBDA, KNDS und Hensoldt, die für die militärische Leistungsfähigkeit Deutschlands von großer Bedeutung sind.
In unseren industriepolitischen Vorträgen informieren wir unsere Gäste über die aktuellen Entwicklungen der deutschen und europäischen Verteidigungsindustrie.
BKZ: Was ist dein Fazit zum gegenwärtigen Zustand der Bundeswehr?
Fromuth Heene:
Es gibt nach wie vor viel zu tun. In den Jahren des Friedens gingen wir in Deutschland davon aus, dass keine großen Streitkräfte und keine umfangreichen Materialbestände mehr erforderlich seien. Man war der Ansicht, dass dies vor allem Geld und Personal binde. Die sicherheitspolitische Lage hat sich jedoch grundlegend verändert.
Rund drei Jahre nach Ausrufung der Zeitenwende bestehen zwar noch immer erhebliche Defizite, gleichzeitig wurde aber bereits vieles erreicht. Zahlreiche Ausrüstungsgegenstände sind bei der Bundeswehr angekommen, und die Soldatinnen und Soldaten werden kontinuierlich besser ausgestattet. Die Versäumnisse der vergangenen drei Jahrzehnte lassen sich jedoch nicht innerhalb weniger Jahre beheben – unabhängig davon, wie viel Geld investiert wird.
Der Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran zeigt derzeit zudem, wie stark sich die Art der Kriegsführung verändert. Neue Technologien und Waffensysteme entwickeln sich mit hoher Geschwindigkeit. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse werden von der Bundeswehr und der NATO sorgfältig ausgewertet und in Ausbildung sowie Übungen berücksichtigt.
Gerade im Bereich der Drohnentechnologie sind die Entwicklungszyklen inzwischen so kurz, dass eine langfristige Bevorratung kaum noch sinnvoll ist. Es ergibt wenig Sinn, große Stückzahlen eines Systems zu beschaffen, wenn dieses bereits wenige Wochen später technisch überholt sein könnte. Deshalb müssen Beschaffung und Entwicklung deutlich flexibler werden.
Dennoch befindet sich die Bundeswehr aus meiner Sicht auf einem guten Weg. Die Modernisierung schreitet Schritt für Schritt voran und gewinnt zunehmend an Tempo.
Die derzeit hohen Investitionen dienen in erster Linie dazu, die Rückstände der vergangenen Jahrzehnte aufzuholen. Dieser außergewöhnlich hohe Finanzbedarf wird nicht dauerhaft bestehen. Sobald die wichtigsten Waffensysteme beschafft, ausreichend Munition eingelagert, die Soldatinnen und Soldaten entsprechend ausgebildet und die Kasernen modernisiert sind, dürfte sich der Finanzbedarf wieder auf ein deutlich niedrigeres Niveau einpendeln.
Das wird nach meiner Einschätzung auch gesellschaftlich akzeptiert werden. Schließlich ist die Bundeswehr zwar ein zentrales Thema, aber nicht das einzige politische Handlungsfeld. Auch Bereiche wie die Renten-, Gesundheits- oder Pflegepolitik erfordern erhebliche finanzielle Mittel. Die Bürgerinnen und Bürger haben zu Recht den Anspruch, dass mit ihren Steuergeldern verantwortungsvoll umgegangen wird.
BKZ: Können Deutschlands Nachbarn Bedenken haben, wenn Deutschland so stark aufrüstet?
Fromuth Heene:
Bedenken könnten entstehen, wenn Deutschland seine Streitkräfte ohne Abstimmung mit seinen europäischen Partnern ausbauen würde. Genau das ist jedoch nicht der Fall. Deutschland legt großen Wert darauf, sämtliche Maßnahmen eng mit seinen Bündnispartnern innerhalb der NATO und der Europäischen Union abzustimmen.
Gerade kleinere NATO-Mitgliedstaaten, etwa die baltischen Staaten, wären allein kaum in der Lage, sich gegen einen militärischen Angriff Russlands zu verteidigen. Deshalb ist es wichtig, dass größere Bündnispartner wie etwa die USA, Deutschland oder Frankreich ihren Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung leisten.
Die europäischen Streitkräfte sind eng in die Kommandostrukturen der NATO eingebunden. In den politischen und militärischen Gremien des Bündnisses verfügen alle Mitgliedstaaten über Mitwirkungs- und Mitspracherechte.
Auch die Finanzierung wird häufig kritisch diskutiert. Deutschland weist im internationalen Vergleich derzeit noch eine geringere Staatsverschuldung auf als einige seiner europäischen Nachbarn. Dadurch besteht die Möglichkeit, erhebliche Mittel für die Modernisierung der Bundeswehr bereitzustellen.
Gleichzeitig zeigt der russische Krieg gegen die Ukraine ebenso wie die sicherheitspolitischen Entwicklungen im Nahen Osten, dass Europa seine verteidigungsindustriellen Fähigkeiten weiter stärken muss. Die USA müssen ihre eigenen Streitkräfte ebenfalls umfangreich modernisieren und ausrüsten. Deshalb wird es für Europa immer wichtiger, bei der Produktion militärischer Ausrüstung eigenständiger zu werden.
Dazu trägt auch das europäische Programm „ReArm Europe“ bei. Die dafür bereitgestellten Mittel sollen vorrangig in europäische Unternehmen und Technologien investiert werden, um die Verteidigungsfähigkeit Europas nachhaltig zu stärken.
BKZ: Können diese Waffen bei einer AfD-geführten Bundesregierung nicht in die falschen Hände geraten?
Fromuth Heene:
Ich sehe derzeit nicht, dass die AfD in den kommenden Jahren Teil einer Bundesregierung werden wird.
Die Partei wird von Politik, Medien und Sicherheitsbehörden intensiv beobachtet. Auch wenn der Verfassungsschutz verschiedene Kritikpunkte formuliert hat, ist bislang nichts bekannt geworden, das aus Sicht der Bundesregierung unmittelbar zu einem Verbotsverfahren geführt hätte.
Sollte sich die AfD künftig weiter radikalisieren, könnte die politische und rechtliche Bewertung allerdings anders ausfallen. Über ein mögliches Verbotsverfahren müssten dann die zuständigen staatlichen Institutionen entscheiden.
In den neuen Bundesländern könnte sich die politische Lage nach den Wahlen im Herbst durchaus anders darstellen. Allerdings ist die Bundeswehr eine Bundesinstitution. Auf ihre Strukturen und Einsatzgrundsätze haben die einzelnen Bundesländer keinen direkten Einfluss.
BKZ: Wie sieht es mit den Vorbereitungen auf eine mögliche Konfrontation mit Russland aus?
Fromuth Heene:
Seit dem Jahr 2022 richtet sich die NATO verstärkt auf die veränderte Sicherheitslage in Europa aus. Alle Mitgliedstaaten – einschließlich der USA – verstärken ihre Präsenz an der NATO-Ostflanke, um Russland von einem möglichen Angriff auf Bündnisgebiet abzuhalten.
Im Krieg zwischen Russland und der Ukraine verteidigt sich die Ukraine weiterhin entschlossen. Gleichzeitig ist sie in erheblichem Maße auf die Unterstützung ihrer internationalen Partner angewiesen. Ohne diese Unterstützung wäre die Verteidigung des Landes deutlich schwieriger.
Beobachter weisen zudem darauf hin, dass Russland offenbar nicht alle verfügbaren militärischen Ressourcen in den aktuellen Krieg einbringt. Teilweise werden Personal, Waffen und Munition zurückgehalten. Daraus ergibt sich die Sorge, dass Russland seine militärischen Fähigkeiten für mögliche zukünftige Szenarien erhalten möchte.
Auf diese Problematik haben verschiedene hochrangige Militärs hingewiesen. Gleichzeitig gibt es jedoch unterschiedliche Einschätzungen darüber, ob Russland tatsächlich eine direkte militärische Konfrontation mit der NATO anstrebt. Der aktuelle NATO-Oberbefehlshaber in Europa, General Alexus G. Grynkewich, erklärte kürzlich in einem Interview mit der Financial Times, Russland sei derzeit „nicht auf einen Konflikt aus“.
Unabhängig vom Krieg in der Ukraine überrascht mich seit Längerem, dass die Europäische Union als einer der stärksten Wirtschaftsräume der Welt über keine eigene vergleichbare militärische Handlungsfähigkeit verfügt. Wirtschaftliche Stärke allein reicht nicht aus, wenn ein Staat oder Staatenverbund dauerhaft auf den Schutz anderer angewiesen ist.
Der Schutz der eigenen Bevölkerung und der Außengrenzen gehört zu den grundlegenden Merkmalen staatlicher Souveränität. Wenn die Europäische Union langfristig politisches Gewicht behalten möchte, benötigt sie aus meiner Sicht auch glaubwürdige militärische Fähigkeiten. Streitkräfte sind für viele Staaten ein unverzichtbarer Bestandteil ihrer Handlungsfähigkeit und ihrer internationalen Wahrnehmung.
BKZ: Kann Deutschland sich mit China, dem Iran oder anderen Staaten militärisch anlegen?
Fromuth Heene:
Das halte ich für äußerst unwahrscheinlich. Die deutsche Bevölkerung würde ein solches Vorgehen kaum unterstützen.
Darüber hinaus ist die NATO ein Verteidigungsbündnis. Ihr Auftrag besteht in der Verteidigung des Bündnisgebiets und ihrer Mitgliedstaaten. Gegenwärtig gibt es keine Anzeichen dafür, dass ein militärisches Vorgehen gegen die von Ihnen genannten Staaten bevorsteht.
Selbst wenn ein solcher Einsatz politisch gewollt wäre, wäre er militärisch und logistisch außerordentlich anspruchsvoll. China und der Iran liegen weit von Europa entfernt. Militärische Operationen in solchen Entfernungen erfordern umfangreiche Transport-, Versorgungs- und Unterstützungsstrukturen.
Dennoch zeigt Deutschland und Europa Solidarität und Präsenz im Rahmen seiner Möglichkeiten. Dazu gehören beispielsweise große Verlege- und Bündnisübungen der vergangenen Jahre sowie die geplanten Einsätze der Minenräumboote der Marine im persischen Golf.
Insgesamt bin ich der Auffassung, dass starke nationale Streitkräfte keineswegs ein Zeichen von Aggressivität sind. Vielmehr sind sie Ausdruck staatlicher Souveränität und der Fähigkeit, die eigene Bevölkerung sowie die Bündnispartner zu schützen. Krieg gehört leider zu den ältesten Erscheinungen der Menschheitsgeschichte. Kriege wurden zu allen Zeiten geführt – jeweils mit den Waffen und Mitteln, die den beteiligten Staaten zur Verfügung stand.
von Mag. phil. Nader Mohamed geführt
und von Kirsten Mische verschriftet
Frau Fromuth Heene besuchte die ILA Berlin (Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung Berlin), um den Mitgliedern des Außen- und Sicherheitspolitischen Arbeitskreises (ASP) im Landkreis Starnberg über die dort vorgestellten sicherheitspolitischen Entwicklungen



















































