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28/05/2022
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Schuster: Neue Synagoge in Potsdam ist deutliches & sichtbares Zeichen unseres Glaubens an eine Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland

Dr. Josef Schuster ist seit dem 30. November 2014 der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Woidke,

sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Schüle,

sehr geehrte Finanzministerin,

meine Damen und Herren Abgeordnete,

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Schubert,

sehr geehrter Herr Haberland,

lieber Abraham Lehrer, meine sehr geehrten Damen und Herren!

Was lange währt, wird endlich gut. Ich freue mich wirklich sehr, dass wir heute den Grundstein legen für den Bau einer Synagoge in Potsdam. Bereits vor mehr als 15 Jahren wurde dieses Vorhaben im Staatsvertrag des Landes Brandenburg mit dem jüdischen Landesverband festgehalten und ich muss hier, glaube ich, niemandem erzählen, dass der Weg bis zum heutigen Tage nicht so ganz leicht war.

Übrigens, weil ich gerade vom Staatsvertrag gesprochen habe, kommt an so einem Tag der Freude so ein kleiner Hinweis: Ich glaube, der Staatsvertrag betraf unabhängig von dem Baubedarf einer Überarbeitung, die schon längere Zeit in Arbeit ist. Von der Leitungsebene, glaube ich, gibt es wenig Probleme, auf der Arbeitsebene könnte es vielleicht ein bisschen flotter gehen. Meine Damen und Herren, zurück zum Synagogenbau. Vielleicht kennen Sie ja den jüdischen Witz von dem Mann, der in seiner Stadt zwei Synagogen bauen lässt. Er wird daraufhin gefragt, warum denn eine einzige Synagoge für ihn nicht ausreichend sei. Seine Antwort: „Weil ich eine Synagoge brauche, in die ich gehe, und eine zweite, in die ich nicht gehe.“ Sagte der Mann. Auf solche Wünsche wollen und können wir hier keine Rücksicht nehmen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass eine einzige Synagoge für alle jüdischen Gemeinden in Potsdam genug Platz bietet und ich freue mich, dass Vertreter und Vorsitzende aller jüdischen Gemeinden hier zu Potsdam heute anwesend sind. Der Entwurf des Architekturbüros Haberland ist umfassend und, wie ich meine, großzügig und berücksichtigt alle wichtigen Bedürfnisse. Ich freue mich nachher auf die Präsentation im Anschluss. Im übrigen gibt es ja auf dem Campus  – der Ministerpräsident hat es bereits erwähnt –  der Universität Potsdam eine weitere kleine Synagoge in der Stadt, die vor allem den Studentinnen und Studenten zur Verfügung steht. Auch die Einweihung dieser Synagoge im Rahmen der Eröffnung des Europäischen Zentrums für jüdische Gelehrsamkeit in diesem Sommer hat gezeigt, dass das Land Brandenburg und die Stadt Potsdam viel tun für die Zukunft jüdischen Lebens hier im Lande Brandenburg und damit auch in Deutschland.

Ohne die Unterstützung der Menschen, die bei der heutigen Grundsteinlegung hier sind, wären wir nicht so weit gekommen. Ich bedanke mich von ganzem Herzen bei der Landesregierung und ganz persönlich bei Ihnen, Herr Ministerpräsident Woidke und Frau Ministerin Schüle, für Ihr Engagement und auch Ihre Geduld. Ich bedanke mich bei Ihnen, Herr Oberbürgermeister Schubert, und bei meinem Stellvertreter im Zentralratspräsidium und Vorstandsvorsitzenden der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, er lebe ewig. Auch dein Engagement hat es möglich gemacht, die sprichwörtliche Kuh vom Eis zu holen.

Und ich möchte an dieser Stelle alle jüdischen Akteure in Potsdam erneut herzlich einladen, sich einzubringen in dieses Gebäude, in die Planungen, die damit verbunden sind. Die Stärke der jüdischen Gemeinschaft, die Stärke, das ist ihre Vielfalt. Ob orthodox, liberal oder säkular, wir freuen uns über jeden, der bereit ist zu kommen, Ideen beizusteuern und konstruktiv mitzuarbeiten. Synagogen, und es gibt dafür im Hebräischen verschiedene Ausdrücke, ein weiterer  – einen haben wir schon gehört –  ist die „Knesset“, das Haus der Versammlung. Unsere Gotteshäuser sind Zentren des jüdischen Gemeindelebens. Hier tauschen sich Menschen aus und finden neue Kraft. Wir beten gemeinsam, wir feiern gemeinsam, wir trauern gemeinsam und sprechen gemeinsam das Kaddisch-Gebet in Erinnerung an die Verstorbenen.

Sehr geehrte Damen und Herren, es hat eine große symbolische Kraft, dass wir den Grundstein für die neue Synagoge in Potsdam heute am 8. November legen, am Vorabend des 83. Jahrestags der Pogromnacht in Deutschland. In der Nacht vom 9. auf den 10. November ’38 schändeten und steckten die Nationalsozialisten jüdische Gotteshäuser in Brand, überfielen Geschäfte und unschuldige Menschen. Die gewaltsamen Ausschreitungen, die man früher „Kristallnacht“ nannte und heute als Pogromnacht bezeichnet, waren ein Angriff auf das Herz der jüdischen Gemeinschaft.

Tausende von Juden wurden nach den Novemberpogromen in Konzentrationslager gebracht. Diejenigen, die sich retten konnten, wanderten aus. Fast alle, die in Deutschland blieben, wurden während der Shoah ermordet. Auch heute, wir haben es bereits gehört, sind Synagogen Ziel von Gewalt wie vor zwei Jahren in Halle an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag oder beim versuchten Anschlag auf die Synagoge in Hagen, Jom Kippur in diesem Jahr. Doch heute schützt der deutsche Staat die jüdische Gemeinschaft gegen terroristische Angriffe, während er während der NS-Zeit selbst Urheber des Terrors war.

Wir sind froh und dankbar, dass Polizei und Sicherheitsbehörden in der Bundesrepublik Deutschland die Gefahr durch Rechtsterroristen, islamistische Gewalttäter ernstnehmen und für den Schutz unserer Gotteshäuser sorgen. Nicht zuletzt setzen wir heute mit der Grundsteinlegung für eine neue Synagoge hier in Potsdam ein deutliches und sichtbares Zeichen unseres Glaubens an eine Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland, denn wer baut, der bleibt. Das haben wir fest vor. Möge über dieser Synagoge stets die Sonne so scheinen wie wir es heute erleben. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Aufgezeichnet von Mag. phil. Nader Mohamed
verschriftet von Kirsten Mische

Dr. Josef Schuster und Mag. phil Nader Mohamed

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