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04/10/2022
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Ministerin Schüle: Wir bauen dieses Synagogen- und Gemeindezentrum nicht aus schlechtem Gewissen

Dr. Manja Schüle ist seit dem 20. November 2019 als Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

das Protokoll erwartet jetzt von mir, alle Amts- und Würdenträger einzeln zu begrüßen, aber ganz ehrlich – wenn ich hier in diese Runde gucke, dann würde ich damit nicht fertig werden und es macht mich sehr, sehr froh und sehr glücklich, dass alle gekommen sind. Viele Amts- und Würdenträger, Abgeordnete des Landtages, der Stadtverordnetenversammlung, Würdenträger des deutschen Judentums, zivilgesellschaftliche Akteure, und ich hatte Ihnen ja versprochen, eine kurze Rede zu halten, deswegen möchte ich Sie nicht alle einzeln begrüßen. Aber gestatten Sie mir eine Abweichungen vom Protokoll, indem ich zwei Gruppen besonders begrüßen möchte. Zum einen sind es die Kinder, die heute hier auch unter uns sind. Ihr seid die Zukunft. Ihr seid nicht nur die Zukunft für eure Glaubensgemeinschaft, ihr seid auch unsere Zukunft. Und ich möchte die älteren Gemeindemitglieder unter uns begrüßen, die über 30 Jahre mit viel Leidenschaft für diese Synagoge, für dieses Gemeindezentrum sich engagiert haben, nicht nur gestritten haben, sondern sich engagiert haben. Seien diese beiden Gruppen hier besonders herzlich gegrüßt und wenn Sie mögen, kommen Sie doch nachher mit runter, wenn wir den Grundstein legen.

Rund um den 9. November ist viel davon die Rede, dass „man“ ein Zeichen setzen müsste, dass „man“ den Anfängen zu wehren hat, dass „man“ nicht wegschauen darf, dass „man“ nicht vergessen darf. Das ist alles sehr richtig, das ist leider alles sehr richtig. Aber das „man“ sind nicht die Juden und Jüdinnen. Das „man“ in diesen wichtigen Sätzen ist immer die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft, aber um die soll es ja heute ausnahmsweise mal nicht gehen. Wir legen heute nicht den Grundstein für ein Museum, wir beginnen auch nicht den Bau eines Mahnmals und wir feiern auch nicht die Realisierung eines Zentrums für den interreligiösen Dialog. Es geht heute eigentlich um etwas ganz Selbstverständliches: die Grundsteinlegung für ein Synagogen- und Gemeindezentrum.

Zugegeben, wenn irgendwo in Brandenburg eine katholische Kirche mit Gemeindezentrum gebaut wird, kommen in der Regel weder der Ministerpräsident, noch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Die Caritas ist nicht für den Betrieb zuständig und die Kulturministerin auch nicht für das Catering. Der Unterschied ist aber, der Staat, dessen Rechtsnachfolger der Ministerpräsident und die Kulturministerin repräsentieren, hat keine katholischen Kirchen zerstört und nicht sechs Millionen Katholikinnen und Katholiken ermordet. Und dennoch bauen wir dieses Synagogen- und Gemeindezentrum nicht aus schlechtem Gewissen, denn das wäre wieder ganz die Perspektive der Täter bzw. ihrer Nachfahren.

Wir bauen das Synagogen- und Gemeindezentrum, weil die Potsdamer und die Brandenburger Jüdinnen und Juden sonst keinen sicheren, keinen würdigen Platz zum Beten, zum Feiern, zum Lehren und zum Lernen hätten. Dieser Bau ist kein Bau für das Land Brandenburg oder die Stadt Potsdam. Das ist ein Bau für die hier lebenden Jüdinnen und Juden. Es wäre unehrlich, am heutigen Tag darüber hinwegzugehen, dass über genau diesen Punkt in der Vergangenheit viel gestritten wurde, und ja, es ist eine berechtigte Frage. Wenn das ein Gebäude für Jüdinnen und Juden sein soll und nicht für das Land, warum ist es dann eine Landesbaumaßnahme? Warum wird es vom Landesbetrieb errichtet? Meine Antwort ist: Weil wir sonst vermutlich keine Grundsteinlegung feiern würden. Ich begleite den Streit um die Baumaßnahme sehr viel länger, als ich als Ministerin unmittelbar daran beteiligt bin.

Ich habe mit vielen Gemeindemitgliedern gesprochen, die seit Jahren, manchmal seit Jahrzehnten, ein ganz einfacher Wunsch umtreibt. Dass ihre Kinder, ihre Enkel, manchmal sogar schon ihre Urenkel in Potsdam eine Synagoge haben, in der sie sich auch zuhause fühlen können. Und für mich war immer klar, dass es nicht ausreicht, den Menschen, die seit 30 Jahren jüdisches Leben in Brandenburg wiederaufgebaut haben, einfach nur dankbar zu sein. Es reicht nicht aus, ihnen nur für ihren Mut und ihr Engagement Respekt zu zollen.

Wir müssen als Staat und auch als Gesellschaft die Bedingungen dafür schaffen, dass jüdisches Leben in Brandenburg eine Zukunft hat. Das Synagogen- und Gemeindezentrum, das wir heute mit einem Grundstein feierlich begehen, ist dafür ein Baustein. Eine Grundsteinlegung, das haben wir in den Reden gerade schon gehört, ist immer ein wichtiger Anlass, danke zu sagen. Und danken möchte ich zuallererst Herrn Schuster und Herrn Lehrer. Ohne den Zentralrat, ohne die Zentrale Wohlfahrtstelle würde die Synagoge in Potsdam heute nicht gebaut. Hätten Sie, lieber Herr Schuster, und hätten Sie, lieber Herr Lehrer, bei unseren gemeinsamen Gesprächen in Würzburg nicht mit Leidenschaft und ja, auch im Wissen um die vielen Schwierigkeiten, nicht spontan Ihre Unterstützung zugesagt, ich glaube, ich hätte den Mut verloren. Natürlich danke ich dem Architekten Haberland und Herrn John, dem langjährigen Chef des Der Brandenburgische Landesbetrieb für Liegenschaften und Bauen (BLB) von Herzen. Ihre Begeisterung, Ihre Kompromissbereitschaft, Ihre Leidensfähigkeit geht weit über das hinaus, was man von Architekten und Bauherren billigerweise erwarten darf.

Ich danke auch Herrn Joffe. Herr Joffe, wir haben es uns gegenseitig nicht immer leicht gemacht. Aber niemand, wirklich niemand, hat diesen Bau auch mit soviel Leidenschaft und ehrenamtlichem Engagement begleitet wie Sie, genauso wie Herr Kogeln, genauso wie Herr Kutikoff. Auch dafür sind wir Ihnen allen zu Dank verpflichtet. Ich weiß, dass Sie mit dem Ergebnis nicht einverstanden sind und es mag vielleicht auch vermessen klingen, aber ich wünsche mir, dass diese Synagoge eines Tages auch Ihre Synagoge werden wird, Herr Joffe.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die heutige Grundsteinlegung, und ich habe es heute Morgen schon im Radio gesagt, ist der glücklichste Moment meiner Amtszeit als Kulturministerin. Sie berührt mich als Deutsche, sie berührt mich als Brandenburgerin, sie berührt mich als Potsdamer Bürgerin genauso wie als für Religionsangelegenheiten zuständige Ministerin. Ja, wir dürfen unsere Vergangenheit nie, niemals vergessen, aber wir dürfen auch nicht versäumen, jüdisches Leben zu feiern. Und heute, heute ist ein sehr guter Tag dafür. Haben Sie herzlichen Dank.

Aufgezeichnet von Mag. phil. Nader Mohamed
verschriftet von Kirsten Mische


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