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28/05/2022
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Mike Schubert: Die Neue Synagoge wird ein Haus des Friedens, der Religion, des jüdischen Glaubens in Potsdam und ein Licht gegen die Dunkelheit

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Woidke,

sehr geehrter Herr Lehrer,

sehr geehrter Herr Schuster,

sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Schüle,

erlauben Sie mir einen Einschub: Ich hab’ Sie lange nicht so strahlen sehen wie bei diesem Ereignis. Ich glaube, man merkt Ihnen aus tiefstem Herzen an, wie wichtig dieser Tag heute für Sie ist und dieses Ergebnis, das auf Ihrer Arbeit in den letzten Monaten aufbaut. Sehr geehrte Mitglieder der jüdischen Gemeinde der Landeshauptstadt Potsdam, sehr geehrte Damen und Herren, alle Rednerinnen und Redner vor mir haben bereits betont, was für ein wichtiger Moment für das jüdische Leben in unserem Land und in unserer Stadt die heutige Grundsteinlegung des Synagogenzentrums ist. Ganz selbstverständlich steht heute das jüdische Leben in der Landeshauptstadt im Mittelpunkt.

Und wir alle gemeinsam sind froh, dass ein langer Weg der Suche nach einem zentralen Ort der jüdischen Religion in unserer Stadt ein gutes Ende findet. Für mich als Potsdamer Oberbürgermeister stellt dieser Moment aber nicht allein ein Glück für die Gemeinde der Menschen dar, die hier im Glauben vereint einen Ort der Gemeinschaft finden. Dieser Moment, dieses Haus, diese jüdische Synagoge verändert unsere Stadt und gibt ihr ein Stück Identität im öffentlichen Bewusstsein zurück, das schon viel zu lange gefehlt hat. Sehr geehrte Damen und Herren, die Reichspogrome im November 1938 trafen auch das jüdische Leben in Potsdam, das bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten in der gesamten Stadt zur Lebendigkeit und konfessionellen Vielfalt beigetragen hatte, mit voller Härte.

Die jüdische Gemeinde wurde ihres religiösen Mittelpunktes beraubt und erfuhr brutale Übergriffe von den neuen Machthabern, aber auch  – und das gehört dazu –  von ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn, von Potsdamerinnen und Potsdamern. Die Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung zur systematischen Verfolgung, der nationalsozialistischen Zielstellung der Vernichtung allen jüdischen Lebens, aller jüdischen Identität. Das jüdische Leben in unserer Stadt wurde ausgelöscht.

Während der Zeit der DDR gab es in der Öffentlichkeit und im Bewusstsein unserer Stadt kein jüdisches Leben. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung kamen Zuwanderinnen und Zuwanderer jüdischen Glaubens zumeist aus den ehemaligen Sowjetrepubliken nach Potsdam und sorgten somit für eine Wiederbelebung des jüdischen Glaubens im Bild unserer Stadt. Heute bilden die jüdischen Gemeinden Potsdams wieder einen selbstverständlichen und wesentlichen Teil der religiösen und kulturellen Vielfalt von Potsdam und führen doch ein vielfach provisorisches Dasein.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, meine erste intensivere Begegnung mit der jüdischen Gemeinde war die Einladung zu einem Laubhüttenfest in das damalige Gebäude der Potsdamer Wasserwirtschaft, also in genau das Gebäude, das vorher an diesem Ort stand, an dem wir uns heute hier treffen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, mit welcher Glückseligkeit die Gemeindemitglieder dieses Fest der Freude gefeiert haben. Dankbarkeit und Gemeinschaft waren greifbar und hier fand religiöses Leben der jüdischen Gemeinde Potsdam statt, trotz Provisorium. Weitere solcher Provisorien sollten in den Jahren danach bis zum heutigen Tag folgen.

Als Kommunalpolitiker, als Beigeordneter für Soziales und nun als Oberbürgermeister hat mich diese Situation der Verwirklichung jüdischer Identität in Provisorien nie in Ruhe gelassen. Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde ich in einer meiner Sprechstunden als Oberbürgermeister von einer älteren Potsdamerin jüdischen Glaubens darauf angesprochen. Sie schilderte mir, dass sie sich nichts Sehnlicheres wünscht, als ihr religiöses Gemeindeleben nicht mehr in Provisorien führen zu müssen. Sie hatte einen weiteren Wunsch: dass bei aller Vielfalt das jüdische Leben hier gemeinsam stattfindet. Sie sagte mir, sie hätte Angst gehabt, mit ihrer noch begrenzten Lebenszeit und den stetigen Verzögerungen den Bau, die Einweihung einer neuen Synagoge im Zentrum der Stadt nicht mehr mitzuerleben.

Dieses Haus jüdischen Glaubens, für das wir heute den Grundstein legen, schafft einen Ort der Hoffnung. Der Wunsch, die Eröffnung der Synagoge noch erleben zu können, rückt für viele, die dafür über Jahre gearbeitet haben, in greifbare Nähe und das macht mich glücklich. Mit dem Neubau der Synagoge wird das jüdische Leben, die Zeit der Provisorien in Potsdam endlich verlassen. Potsdam wird nicht mehr die letzte Landeshauptstadt ohne eine Synagoge sein. Mein besonderer Dank gilt an dieser Stelle all den Unterstützerinnen und Unterstützern, die gemeinsam an der Realisierung des Projektes gearbeitet haben und daran geglaubt haben.

Vor allem möchte ich an dieser Stelle meinen Dank noch einmal an Frau Ministerin Schüle wenden, die gemeinsam mit der Landeshauptstadt Potsdam und allen Vertreterinnen und Vertretern der Landesregierung um eine Lösung des jahrelangen schwelenden Konfliktes vom Beginn ihrer Amtszeit an gerungen hat. Das neue Gotteshaus kann nun bald das repräsentieren, was im Kern ausmacht, nämlich ein Haus der Versammlung, ein Haus der Begegnung, des Studiums und des Gebetes zu sein und das mitten in der Stadt.

Die neue Synagoge wird ein Teil städtischer Räume sein, wo Menschen nach ihren Bedürfnissen zusammenkommen und gestalterisch wirken. Ein Raum des Miteinanders und des Ausgleichs in der Gesellschaft. Die neue Synagoge verändert die Möglichkeiten des Miteinanders für die Mitglieder der jüdischen Gemeinden und sie verändert damit auch unsere Stadt. Denn ein eigener, nicht provisorischer Raum verleiht Anerkennung und Aufmerksamkeit, verleiht eine Identität und die Sichtbarkeit dieser Identität wirkt in die Stadt hinein. So wie jüdisches Leben auch früher unsere Stadt bereichert hat, nicht zuletzt das kulturelle Leben Potsdams, ein Grund, weshalb ich im übrigen froh bin, dass es uns gelungen ist, das Jüdische Filmfestival nach Potsdam zu holen. Das ist auch ein Stück von jüdischem Leben. So wird Stück für Stück wieder sichtbar, was zu Potsdam gehört, was diese Stadt einst mitprägte und was wir auch in Zukunft mit besonderer Verantwortung beschützen wollen, denn die Vergangenheit lehrt uns, wachsam zu sein und das ist notwendiger denn je.

Das neue Haus muss für unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ein sicheres Haus sein. Dafür setzen wir uns in unserer Stadt mit ganzer Kraft ein. Lassen Sie uns deutlich Position beziehen gegen Hass und Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung. Die heutige Grundsteinlegung ist auch ein deutliches Zeichen für die gewachsene Integration, Toleranz und Vielfältigkeit in Potsdam und das macht mich froh und glücklich. Mit dem neuen Haus verbindet sich nicht nur der Wille zum gemeinsamen Gedenken und Gebet, sondern auch die unzerstörbare Vision von unserer gemeinsamen Zukunft im Frieden. Die neue Synagoge wird ein Haus des Friedens, ein Haus der Religion, ein Haus des jüdischen Glaubens in unserer Stadt sein und somit für alle ein Licht gegen die Dunkelheit.

Vielen Dank.

Aufgezeichnet von Mag. phil. Nader Mohamed
verschriftet von Kirsten Mische

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