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18/05/2024
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Besuch der höchsten Führung der Drusen in Syrien an der Freien Universität Berlin

Am 27. und 28.04.2023 haben die führenden Vertreter der Religionsgemeinschaft der Drusen in Syrien, seine Eminenz Scheich Youssef Jarboue und seine Eminenz Scheich Hammoud Alhennawi, an der Freien Universität Berlin Vorträge und Workshops unter den Titeln „Die Drusen – Glaube, Geschichte und Gegenwart einer Religionsgemeinschaft in Syrien“ und „Alltagskultur der Drusen: Sitten und Gebräuche“ gehalten, um Einblicke in die Geschichte und Kultur der Glaubensgemeinschaft zu vermitteln.

Wer sind die Drusen?

Die Drusen sind eine Religionsgemeinschaft im Nahen Osten. Weltweit gibt es von ihnen etwa eine Million, davon die Mehrheit in Syrien, Israel, Jordanien und im Libanon. Sie selbst bezeichnen sich als „al-Muwahhidun“, also Monotheisten, die an die Einzigartigkeit Gottes glauben. Dies ist ein arabischer Begriff, der für verschiedene muslimische Gruppierungen verwendet wird. Eine andere Bezeichnung, die sich die Drusen selbst zuschreiben, ist „Bani Maaroof”: Sie drückt aus, dass sie Nachfahren der ‚Menschen von göttlichen Taten‘ sind. Im heutigen Gebrauch bezeichnet sie ‚Menschen der guten Taten‘. Obwohl der Glaube der Drusen stark von schiitischen, vor allem von ismailitschen, Traditionen geprägt ist, sind die Unterschiede zum Islam so groß, dass man von einer eigenständigen Religion und nicht von einer Richtung des Islam sprechen kann. Die Drusen interpretieren den Koran oft ganz anders als Sunniten und Schiiten. So glauben sie zum Beispiel an die Seelenwanderung – etwas, dass es im muslimischen Glauben nicht gibt. Da die Drusen der festen Auffassung sind, dass alles von Gott vorbestimmt wird, lehnen sie eine Missionierung oder Konvertierung kategorisch ab. Es gibt also keinen anderen Weg in das Drusentum, als in diese Religionsgemeinschaft hineingeboren zu werden.

Die Rede seiner Eminenz  Scheich Youssef Jarboue an der FU Berlin:

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen und Dank sei Allah, dem Gott aller Welten.

Sehr geehrte Damen und Herren,

verehrtes Publikum,

gestatten Sie uns vorab, uns bei der Freien Universität Berlin zu bedanken, dass sie es uns ermöglicht, in dieser kulturellen, akademischen und wissenschaftlichen Institution anwesend zu sein. Unser besonderer Dank gilt dem Professor Shabo Talay für die großen Bemühungen, die er für das Gelingen dieses Treffens angestellt hat. Wir danken auch allen, die dieses Treffen gesucht und dazu beigetragen haben. Es muss zuerst angemerkt werden, dass der Monotheismus eine breite Wissenschaft  und eine Tiefsee ist, die viele Sitzungen und eine lange Zeit benötigt, um die Forschung abzuschließen, aufgrund ihrer zeitlichen, intellektuellen und ideologischen Verbindungen. Wir hoffen, wir können Ihnen die Gedanken darbringen, auch wenn die Zeit knapp ist.

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.

Der Monotheismus existiert seit der Entstehung des Menschen. Von Adam bis heute glauben die Monotheisten, dass Gott eins ist, die Gesandten eins sind und die Religion eins ist. Die heiligen Bücher sind nur Gesetze und Rechte, die den Menschen in ihrer Zeitepoche ansprechen können. Mit der Zeit hat diese Botschaft das letzte herabgesandte Buch, den heiligen Quran, erreicht.

Auf der Suche nach den Lehren der Religion der monotheistischen Drusen werden wir feststellen, dass es sich nicht um ein Ritual, ein Gesetz oder eine Denkform handelt, sondern um eine Existenzrealität, Lebensweisheit, eine wissenschaftliche Herangehensweise, ein Verhalten und eine Zusammenarbeit auf der Grundlage der Bewahrung von Wahrheit, Güte, Schönheit, der Stimme des Gewissens, der Prinzipien der Liebenden und der Kultur von Idealen, die im kollektiven Gewissen verwurzelt sind, wie Bräuche und Traditionen, die aus den Lehren der Weisen des Universums und den Menschen der Entschlossenheit, den offenbarten Büchern, den edlen Gesandten und Propheten und den Heldentaten der rechtschaffenen Vorgänger entnommen wurden, die sich in den Angelegenheiten der Welt und der Religion zu Wort gemeldet haben.

Die Drusen: Erklärung ihres Namens und ihres Ursprungs

Wir glauben, dass der Name „Druse“ vom altgriechischen Wort „drous“ stammt, was einen Suchenden nach der Wissenschaft oder nach dem Wissen bezeichnet, und das Wort ist in die arabische Sprache gelangt und wird immer noch in einem ähnlichen Sinne verwendet. Nashtekin wurde als Druse genannt, weil er einer Gruppe oder Schule angehörte, die mit der griechischen Philosophie zu tun hat. Er ist der Namensgeber der Drusen (Anm. der Redaktion). Die Drusen sind also eine der Gruppen, die eine enge Beziehung zur griechischen Philosophie haben. Es gibt andere historische Interpretationen des Namens der Drusen, aber wir vermeiden es, auf diese weiteren Erklärungen des Namens der Drusen einzugehen, um die Zeit des Vortrags abzukürzen.

Der Titel „al-Muwahhidun“, also Monotheisten, geht auf die Ursprünge der Drusen vor dem Aufkommen des Islams zurück, insbesondere auf das alte Christentum und dessen Vorgänger.

Der Ursprung der heute bekannten drusischen Stämme geht auf arabische, aramäische, ägyptische, nordafrikanische Stämme zurück, die zum Christentum vor dem Aufkommen des Islams gehörten.

Als der Islam auftauchte, beeilten sich die monotheistischen Stämme, sich mit der neuen Religion zu verbünden, um die Römer zu vertreiben und ihre Unterdrückung loszuwerden, und dies erklärt, warum Damaskus, Ägypten und Nordafrika ihre Türen ohne Krieg für die arabischen Armeen öffneten.

In der Umayyaden-Zeit gehörten die Drusen zur schiitischen Gruppierung.  In der Abbasiden-Zeit jedoch rebellierten die verfolgten Stämme, sammelten sich um den ismailitschen Imam Abdallah al-Mahdi und gründeten die fatimidische Dynastie in Nordafrika. Sie konzentrierten ihre Herrschaft auf Ägypten, den Hijaz und das östliche Mittelmeer,

Da die Fatimiden das Schiitentum forderten und ihr Gesetz von ihrer Zugehörigkeit zur Familie des Propheten ableiteten, trat der Name Monotheismus nicht unter ihnen in Erscheinung, außer während der Ära des fatimidischen Kalifen al-Hakim Bi-amr Allah.

Da die Monotheisten im Christentum, ungeachtet ihrer Glaubensrichtungen, den Einzug des Islams begrüßten, um die Unterdrückung durch die Römer loszuwerden, und weil sie in ihm eine Religion der Gerechtigkeit und Gleichheit fanden, die sich nicht vom Wesen ihres Glaubens unterscheidet, stellen wir fest, dass die Mönche, die während der Zeit der Offenbarung des Korans an unseren Propheten Muhammad auf dem Berg Hiraa lebten, Anhänger der monotheistischen Glaubensrichtungen waren.

Am Ende der Ära der Raschiden-Kalifen und am Anfang der Umayyaden-Zeit fangen die Unterschiede zu den Monotheisten an aufzutauchen, da die muslimischen Prediger begannen, Menschen für den Islam zu gewinnen.

Aber wer den Verlauf der Entwicklung des Aufrufs zum Monotheismus verfolgt, sieht, dass er nicht in ständiger Nähe zum Aufruf der Ismailiten stand, da er einen dialektischen philosophischen Ansatz formte, der mehr auf der Schlichtung des Verstandes als auf seinem Vertrauen auf die wörtlichen Texte des Korans beruht. Die Monotheisten waren auch bei der Anerkennung der mündlichen Überlieferung des Propheten neutral. Die Monotheisten glaubten an die Botschaften aller drei himmlischen Religionen, des Judentums, des Christentums und des Islams. Sie betrachteten sie als eine Botschaft, die zu verschiedenen Zeiten offenbart wurde, um sich gegenseitig zu ergänzen, und sie fügten die Philosophie von Pythagoras, Plato, Sokrates, Aristoteles und Hermes hinzu, gemischt mit Anklängen persischer, indischer und chinesischer Weisheit. Dies machte die Reinkarnation zu einer Hauptachse für die Interpretation des neuen religionsphilosophischen Ansatzes, der sich mehr auf den Verstand als auf den Text beruft.

Die Lehre der drusischen Monotheisten verschwand nach dem Verschwinden ihres Gründers, des fatimidischen Kalifen al-Hakim Bi-amr Allah, aus Ägypten und Nordafrika, aber sie fand einige Unterstützung in der Levante. Wenn wir die Stämme untersuchten, die den Ruf zum Monotheismus akzeptierten, würden wir feststellen, dass die meisten von ihnen das monotheistische Christentum vor dem Islam annahmen, und Sie können keinen der Stämme finden, die heidnisch waren, und dies weist auf die Existenz der Clan-Verbindung hin.

Fatimidischer Staat – Wohlstand und Entwicklung:

Dieser Titel bedarf einer langen Erklärung, aber wir haben ihn aus Zeitgründen in groben Linien gekürzt. Der Ruf nach Monotheismus war in der Zeit der Warnungen und in der Ära des fatimidischen Kalifen al-Hakim Bi-amr Allah ein Ruf nach Wahl, nicht Zwang oder Nötigung, da der Herrscher des Landes seine Überzeugungen durchsetzen kann, wie es zuvor Herrscher, Cäsaren und Kaiser taten. Rom war nicht christlich vor die Bekehrung von Kaiser Konstantin und Großbritannien wurde protestantisch-anglikanisch, nachdem sein König den Gehorsam gegenüber dem Papst im Vatikan aufgegeben hatte. Der Islam verbreitete sich in der Levante, aber der reine Glaube war gering. Es gibt viele andere Motive für den Glauben und das Schritthalten mit dem neuen Herrscher. Der fatimidische Kalif al-Hakim Bi-amr Allah benahm sich nicht wie die anderen Herrscher, für ihn waren das Argument, die Vernunft, Wahlfreiheit (Entscheidungsfreiheit) und Religionsfreiheit wichtig.

Es gibt mehrere Punkte, auf denen die Lehre der Monotheisten basierte:

Der Monotheismus wurde auf mehreren Säulen aufgebaut, die eine wissenschaftliche Herangehensweise und ein praktisches Verhalten waren, das von Generationen vererbt wurde, verbunden mit hoher Moral, solider Erziehung, ehrenhaften Bräuchen und Traditionen, die von den rechtschaffenen Vorgängern geerbt wurden, und wurde zu einer Lebensauffassung, die durch das persönliche und das kollektive Gewissen bewahrt wird. Der Monotheismus ist keine Gotteslästerung über die Einheit des Allmächtigen Gottes, weder durch Gedanken noch durch Illusionen, noch durch Vorstellungskraft, noch durch Fantasie, noch durch Worte, noch durch Taten, und er ist die größte monotheistische Säule. Der Islam bedeutet, sich hinzugeben an Gott in allen Angelegenheiten, die Zufriedenheit mit seinem Erlass, die Verherrlichung seines Willens, Annahme aller seiner Urteile und kein Widerspruch ihm gegenüber.

Der Prinz Al Sayed, möge Gott sein Geheimnis heiligen, sagte: „Gesegnet sind diejenigen, die Gottes Gebote in Gehorsam annehmen. Der Glaube ist ein Vertrag im Herzen und Aufrichtigkeit in der Zunge. Die Anbetung ist für Gott allein, der keinen Partner hat. Das Gebet ist die spirituelle Verbindung zwischen den Geschöpfen und dem Schöpfer, es reinigt die Herzen, verfeinert die Seelen, es steht für Glauben und weckt die Hoffnungen und ist eine Verpflichtung für jeden Monotheisten.“

Der Glaube der drusischen Monotheisten

Gott, der Allmächtige, hat die Menschen auf der Erde als Nachfolger ernannt, um sie mit den Pfaden des Monotheismus und des Glaubens zu bevölkern, und uns allen ist aufgegeben, diese Erde aufzubauen und das Verständnis unter dem Dach des Glaubens und des Lehrsatzes zu erleuchten. Der Glaube ist übrigens eine Tiefe und eine Breite, sein Ursprung ist fest und sein Ast ist der Himmel.

Für die monotheistischen Drusen ist das Buch „Hermes Trismegistos“ als Wegweiser der Seele eine der wichtigsten Grundlagen ihres Glaubens und ihrer Überzeugung. Denn aus seinen Zeilen glänzen die Lichter der Weisheit der Alten und ihre Nutzung des Verstandes in den Angelegenheiten der Religion und ihrer Selbstbeherrschung vor den Versuchungen der Welt, um auf dem Weg der Wahrheit hinter den Wahrheiten der anderen zu wandeln. Viele Kopien dieses Buches wurden auf der ganzen Welt verteilt, eine davon ist im Vatikan, die sogenannte römische Kopie, eine in Deutschland, die die Leipziger Kopie heißt, und eine befindet sich in Tyrus im Libanon. Da die Nationen und die Religionen darum wetteifern, dieses Buch sich selbst zuzuschreiben, ist ein Hinweis auf den Wert des Buches, seine Bedeutung und die Intensität seiner Berücksichtigung für jeden von ihnen.

Nach dem Glauben der Drusen ist der Monotheismus so alt wie das Universum und dies ist ein gnostischer Ansatz, der schwer zu erreichen ist, und er ist spezifisch für die gereinigte Elite. Die Monotheisten glauben, dass ihre Vorfahren Anhänger jeder monotheistischen Schule zur Zeit jedes Propheten waren. Natürlich ist das Wissen eine der Grundlagen des gnostischen Ansatzes. Die zweite Sache ist natürlich der Glaube, der sich mit den beiden Flügeln des Herzens und der Tat erhebt. Daher ist der Monotheismus ein einfaches Licht, das unsere Herzen von Groll, Neid, Hass und Arroganz reinigt.

Abschließend sehen wir, dass jeder Interessierte, Forscher oder Anhänger der Religions- und Glaubensrichtungen, Wissenschaften im Allgemeinen und der Lehre des Monotheismus im Besonderen erkennt, dass die Texte, Erklärungen und Interpretationen jeder Religion oder Glaubensrichtung auf das Wesen jeder einzelnen Überzeugung und die Lehre des Monotheismus zurückgehen, im gleichen Abstand von allen Religionen, Glaubensrichtungen und offenbarten Büchern. Das Hilfegesuch des fatimidischen Kalifen al-Hakim Bi-amr Allah bei den tugendhaften Männern unter den Juden, Christen, Sunniten und Schiiten und ihre Teilhabe mit ihm an der Regierung und Führung des Landes erfolgte aus Überzeugung von der Menschlichkeit des Menschen, seiner Freiheit und seinem Bewusstsein.

Friede sei mit Ihnen, Gottes Barmherzigkeit und sein Segen.

Aufgezeichnet und übersetzt von Nader Mohamed
verschriftet und revidiert von Kirsten Mische

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