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29/09/2022
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Abraham Lehrer: Neue Synagogen Bauen in Deutschland ist Beleg fürs Scheitern der Nazi-Ideologie & ihrer schändlichen Pläne

Abraham Lehrer, der Präsident der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland

ZWST: Gründung 1917, Sitz in Frankfurt am Main, Rechtsform: eingetragener Verein

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Woidke,

sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Schüle,

sehr geehrte Frau Finanzministerin,

sehr geehrter Herr Präsident Schuster,

lieber Jossi,

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Schubert,

sehr geehrter Herr Architekt Haberland,

sehr geehrter Herr Duckwitz,

lieber Herr John,

verehrte Abgeordnete des Bundestags, des Landtags und des Stadtrates,

verehrte Vertreter des Landesverbandes und der jüdischen Gemeinden in Potsdam und Brandenburg,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Festgesellschaft!

Die heutige feierliche Grundsteinlegung des jüdischen Gemeindezentrums der Stadt Potsdam reiht sich in die historischen Eckpfeiler ein, die sich um dieses schicksalhafte Datum ranken. Der 9. November 1938 bedeutete in der Geschichte des jüdischen Lebens in Deutschland und so auch in Brandenburg ein Schlüsseldatum seiner Vernichtung. Der 9. November 1989 könnte wiederum als eines der Schlüsseldaten betrachtet werden, die das Wiederaufleben jüdischen Lebens in Deutschland, im Speziellen in den neuen Bundesländern, wieder ermöglichte. Mit Blick auf den heutigen Tag, den 8. November 2021, besiegelt die Grundsteinlegung einen wichtigen Meilenstein und der Verankerung jüdischen Lebens dieses Landes. Und dennoch, der Weg bis hierher war von großen Herausforderungen für die jüdische Gemeinschaft geprägt, insbesondere für die Bundesländer des Ostens.

Anders als im Westen konnte nach 1945 keine Rede vom zaghaften Wiederaufbau jüdischer Infrastruktur geredet werden. Die Gründe hierfür waren vielfältig und werden den Anwesenden sicherlich bekannt sein. Doch mit dem Zerfall der Sowjetunion fasste jüdisches Leben endlich wieder Fuß in Brandenburg. Mitgliederzahlen vervielfachten sich und neue Gemeinden entstanden. Vergangene Woche konnte die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland das siebzigste Jubiläum ihrer Wiedergründung nach dem Ende der Shoah begehen. Die Geschichte der (ZWST) war stets geprägt durch Flucht, Migration und prekäre Lebensumstände.

Die (ZWST) konzentrierte sich getreu ihres seit über 100 Jahren gültigen Leitbildes Zedaka in ihrer Arbeit vor allem auf vulnerable Zielgruppen, auf Menschen, die Unterstützung brauchen, um auf eigenen Beinen stehen zu können. In den letzten 30 Jahren bedeutete das in den ostdeutschen Bundesländern vor allem Infrastrukturaufbau, Integrationsarbeit, Wegbildung und die Schaffung von sozialen Empfangsräumen und deren Zugängen. Aber in den 90erjahren war die (ZWST) vor die zweifache Mammutaufgabe gestellt, den sogenannten „jüdischen Kontingentflüchtlingen“ die auf Grundlage des Beschlusses der gesamtdeutschen Ministerpräsidentenkonferenz in die wiedervereinigte Bundesrepublik kamen, ein Zuhause zu schaffen. Dieses neue Heim war in zweifacher Hinsicht fremd: die deutsche Gesellschaft und die jüdische Gemeinschaft.

Doch es war nicht zuletzt das Engagement der zugewanderten Menschen selbst, das ermöglichte, wovon auch der heutige Anlass zeugt, ein Bestreben, jüdisches Leben in Brandenburg auch in der Zukunft trotz aller Herausforderungen möglich zu machen. Die zahlreichen Angebote und Einrichtungen, die in den vergangenen 30 Jahren in Brandenburg aufgebaut wurden, zählen zu den Lebensleistungen des ehemaligen Direktors der (ZWST), Benjamin Beni Block genannt, seligen Angedenkens. Er nahm sich der Herausforderung an, indem er persönlich durch Erstaufnahmestellen und Wohnheime des Landes reiste, Unterstützungsangebote und Bedarfe erfasste, aber auch engagierte, zukunftsorientierte Menschen aus den Kreisen der Zuwanderinnen und Zuwanderer um sich sammelte, die den Strukturaufbau aktiv mitgestalten wollten. Er legte damit den ideellen Grundstein für das Haus, das wir heute beginnen zu bauen.

Bis heute  – und damit beginnt unser Blick nach vorn –  setzt sich die (ZWST) dafür ein, eine der Lebensleistungen dieser Gründergeneration würdigen Lösung der Problematik der Altersarmut jüdischer Zuwanderinnen und Zuwanderer auf Bundesebene zu erzielen. Und in keinem der ehemals neuen Bundesländer ist die (ZWST) mit ihren sozialen Angeboten so präsent wie in Brandenburg. Die mobile Beratungsstelle für jüdische Zuwanderinnen und Zuwanderer sichert die soziale Beratung für ältere und sozial benachteiligte Menschen in allen Gemeinden. Mit der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer wird in Cottbus eine für alle Zuwanderinnen und Zuwanderer nach Deutschland gefragte Dienstleistung erbracht. Der Bundesfreiwilligendienst ermöglicht bürgerschaftliches Engagement über die jüdische Gemeinschaft hinaus.

Die jüdischen Gemeinden in Brandenburg nehmen gemeinsam mit der (ZWST) gesamtgesellschaftliche Verantwortung war und leisten ihren Beitrag für ein demokratisches, vielfältiges Gemeinwesen gegen Hass und Ausgrenzung. Wir freuen uns, mit der Landesregierung und insbesondere mit dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg einen verlässlichen Partner gefunden zu haben, um einen zentralen und lebendigen Ort im Herzen der Stadt zu schaffen, an dem die jüdische Gemeinschaft Potsdams ihren religiösen, sozialen und kulturellen Zwecken nachkommen kann.

Ich erzähle Ihnen aber auch kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage, dass die jüdische Gemeinschaft auch bei diesem freudigen Anlass den Blick von strukturellen Versäumnissen nicht abwenden kann, die zwingend überprüft werden müssen, damit nach 1700 Jahren jüdischen Lebens in diesem Land jüdisches Leben tatsächlich gedeihen kann. Politische und zivilgesellschaftliche Entwicklungen, die ein vielfältiges Miteinander gefährden wollen, müssen entschiedener bekämpft werden. Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit beunruhigen die Mitglieder zumindest, wenn dies sie nicht gar verängstigt. Während ein Haus zu bauen eine wichtige Grundlage schafft, sind dadurch nicht alle Strukturen bestätigt, die jüdisches Leben erst nachhaltig sicher und möglich machen.

Die Grundsteinlegung des jüdischen Zentrums in Potsdam bietet jedoch Anlass zaghafter Zuversicht und an ihr werden wir weiterhin gemeinsam arbeiten. Ich persönlich stehe für den Wunsch, aus den 1700 Jahren auch die positiven Phasen unseres christlich-jüdischen Zusammenlebens zu präsentieren und deren Einfluss und Wirkung auf die Entwicklung unserer Region und Gesellschaft darzustellen. Dabei vergesse ich keinesfalls, dass es lange vor der Shoah Pogrome, Judenverfolgung bis hin zu deren Ermordung gab. Die Zerstörung von Synagogen gehörte stets dazu.

Die Schaffung von Synagogen in unserem Land und natürlich auch in Brandenburg sind ein Beleg für das Scheitern der Nazi-Ideologie und ihrer schändlichen Pläne. Eine Synagoge wird im Hebräischen auch als „kleiner Tempel“ bezeichnet. Daher möchte ich eine Parallele zu unserem Chanukka-Fest, das heute in drei Wochen beginnt, ziehen. Die Übersetzung von „Chanukka“ würden wir „Einweihung“ nennen. Dieses nachbiblische Fest feiert die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem nach dem Abzug der Hellenisten. Daher ist diese Grundsteinlegung heute für mich auch ein Chanukka, eine Wiedereinweihung. Die Kette setzt sich hier fort. Schließen möchte ich mit einem Wunsch aus einem Teil des Verses 22 aus dem Wochenabschnitt, der am kommenden Schabbat aus dem 1. Buch Moses, Kapitel 28, vorgetragen wird. „Dieser Stein, den ich zum Denkstein gesetzt habe, soll zu einem Haus Gottes werden.“  

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Aufgezeichnet von Mag. phil. Nader Mohamed
verschriftet von Kirsten Mische

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