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28/05/2022
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Sylvia Schenk: Wir sind für weiteren Druck auf Katar für weitere Fortschritte in „Menschenrechte“

Sylvia Schenk ist Juristin und ehemalige Leichtathletin. Von 2001 bis 2004 war Schenk Präsidentin des Radsportverbandes Bund Deutscher Radfahrer (BDR).

BKZ: Guten Tag, wer sind Sie und was machen Sie hier im Haus der Bundespressekonferenz?

Schenk: Ich bin Sylvia Schenk, ich bin Rechtsanwältin spezialisiert auf Sportrecht, Menschenrechte und Compliance, war früher mal zehn Jahre lang Arbeitsrichterin und hab’ aber seitdem viel im Sport gearbeitet und bin jetzt hier heute zu einer Pressekonferenz gewesen zum Thema „Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar und die Menschenrechte“.

BKZ: Und welche Meinungen haben Sie hier vertreten auf dieser Konferenz?

Schenk: Ich hab’ die Meinung vertreten, dass man differenziert an Probleme herangehen muss, auch an die Situation in Katar. Gerade in der Menschenrechtsdiskussion gibt es nicht schwarz und weiß, dort die Guten und dort die Bösen, sondern es gibt überall Probleme. In Katar hat sich in den letzten Jahren was bewegt, noch nicht genug, da werden … muss weiter dran gearbeitet werden. Insofern ist es auch gut, dass es solchen öffentlichen Druck gibt, aber man muss eben auch anerkennen, wenn Schritte gemacht werden, dass da was in Bewegung geraten ist, und man muss schauen, wie man bis zur Weltmeisterschaft im nächsten Jahr, aber auch nach dem Finale den Druck weiter aufrechterhält, um weitere Fortschritte voranzubringen.

BKZ: Frau Richterin, seit wann beschäftigen Sie sich mit der Akte Katar?

Schenk: Seit der Vergabe 2010, das sind jetzt elf Jahre. Es war Anfang Dezember damals, ich war sehr überrascht über die Vergabe und hab’ mich dann nach und nach mit dem Land und der Situation dort beschäftigt, arbeite viel auf internationaler Ebene mit Amnesty International, Human Rights Watch und den internationalen Gewerkschaften zusammen und wir haben eben Stück für Stück daran gearbeitet, dass die FIFA ihre Verantwortung wahrnimmt, nicht nur sagt „Ach, wir spielen dort Fußball vier Wochen, alles andere interessiert uns nicht!“ Jetzt tut sich da was, die FIFA könnte aus unserer Sicht noch deutlich mehr tun, das wär’ ganz wichtig. Auch der Deutsche Fußballbund sollte sich noch deutlicher zu Wort melden öffentlich. Aber immerhin, es ist gelungen, etwas in Bewegung zu bringen.

BKZ: Man muss von beiden Parteien alles hören, bei egal welchem Thema. Haben Sie etwas von der katarischen Seite gehört, dass sie etwas verbessern oder etwas machen werden, oder haben Sie keine offiziellen Kontakte zu der katarischen Regierung?

Schenk: Also zur Regierung direkt nicht. Ich habe hier schon auf Podien gesessen mit dem katarischen Botschafter in Katar, ich hatte mit ihm auch ein längeres Gespräch. Ich hab’ da sehr offen alle Punkte angesprochen, z.B. auch die Situation für Homosexuelle in Katar, weil es dort nach wie vor verboten ist, solche Beziehungen zu haben. Das ist ein Thema. Das kann man mit den Offiziellen in Katar auch ansprechen. Ich kenne auch den Chef des Organisationskomitees, also des Supreme Committee, so heißt es in Katar, und von daher weiß ich, dass man die Themen ansprechen kann, dass auch dran gearbeitet wird. Wie gesagt, ich bin da durchaus ungeduldig und denke, manches könnte schneller gehen. Ich kenn’ aber auch von anderen Ländern, von anderen Situationen, dass solche Prozesse Zeit brauchen. Und Katar ist eine Gesellschaft, wo es auch nicht nur Reformkräfte gibt, sondern auch Widerstände, wenn sich dort etwas in unserem Sinne positiv verändert, deshalb müssen wir da eben schauen, wie wir diese Prozesse weiter vorantreiben und denen, die was ändern wollen in Katar, auch den Rücken stärken.

BKZ: Wird es jetzt eine gute Grundlage für die Migranten in Katar geben aufgrund dieses Boykottaufrufs usw.? Dann würde Katar unter die Lupe genommen und Nachbesserungen vorgeschlagen? Oder wäre danach das Thema gegessen und erledigt und alles läuft dann in Katar wie es vor der WM war?

Schenk: Ich kann mir nicht vorstellen, dass einfach das Rad zurückgedreht wird nach der WM, denn dazu ist dann doch zu viel inzwischen in Katar passiert. Und ich hoffe auch, dass die internationale Aufmerksamkeit nicht mit dem Finale nächstes Jahr im Dezember aufhört und alle sagen: „Okay, jetzt interessiert uns Katar nicht mehr und was sich dort entwickelt“. Zudem kämpfen gerade im Moment die internationalen Gewerkschaften darum, dass es dauerhaft ein Büro für die Migrantenarbeiter in Doha gibt. Ich hoffe sehr, dass das von der katarischen Regierung unterstützt wird und die Gewerkschaften dort weiterhin eine wichtige Rolle spielen können, denn das sichert dann das ab, was schon passiert ist, und wird auch weitere Fortschritte bringen können.

BKZ: Letzte Frage: Kam jetzt Katar als Einzelfall, oder werden bei jeder großen Sportveranstaltung auch verschiedene Organisationen wie Transparency Deutschland sich z.B. mit Schwimmen oder Handball oder Irgendetwas beschäftigen, z.B. bei anderen Ländern, wo es keine Menschenrechte gibt?

Schenk: Also Handball ist in der Welt nicht ganz so interessant, eine Weltmeisterschaft oder anderes, deshalb konzentrieren sich die großen Organisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch, Transparency auf das IOC und auf die FIFA, also Olympische Spiele und Fußballweltmeisterschaft und die UEFA z.B. Bei der UEFA haben wir gerade das Problem, dass sie noch kein Menschenrechtskonzept haben, und gerade in Europa sollte man ja eigentlich mit gutem Beispiel vorangehen. Also es wär’ toll, wenn sich dort auch bei der UEFA jetzt was täte. Und wir haben auch nur bedingte Kräfte, also ich mache das alles ehrenamtlich, ich kann jetzt nicht jede Handball-, Leichtathletik- oder sonst was Veranstaltung dann auch noch verfolgen. Wichtig wäre aber z.B. die Formel 1, die in Bahrain fährt, die in Sotschi fährt. In Bahrain geht der Kurs meines Wissens 20 km vorbei an einem Gefängnis, wo eine Frau, die vor Jahren protestiert hat gegen die Formel 1in Bahrain, lange Zeit ohne Urteil eingekerkert war. Also ich bin froh, dass Lewis Hamilton vor ein oder zwei Jahren angefangen hat, auch deutlich zu sagen: „Es gibt Menschenrechtsprobleme in Bahrain, wir können nicht einfach nur hier Rennen fahren!“ Also da tut sich einiges. Wir beschäftigen uns mit verschiedenen Themen, aber können nicht alle Sportarten abdecken.

BKZ: Aber Transparency Deutschland bekommt keine Unterstützung von niemandem aus Spenden, also nicht Regierung oder irgendeine Kasse oder Topf, gar nichts?

Schenk: Also wir leben von den Mitgliedsbeiträgen. Wir bekommen ab und zu Bußgelder aus einem Korrektionsverfahren, aber das sind keine ständigen Einnahmen, mit denen man fest rechnen kann. Und wir machen fast alles im Ehrenamt, das ist bei vielen Nicht-Regierungsorganisationen so. Staatliche Unterstützung nehmen wir nicht an und auch von Sponsoren nehmen wir allenfalls mal limitiert bis zu 1000 Euro für ein sehr konkretes Projekt. Wir haben schon mal eine Veröffentlichung von einem Sponsor mit unterstützen lassen, aber sonst halten wir unsere Unabhängigkeit hoch, sonst wären wir ja nicht glaubwürdig.

BKZ: Vielen Dank für Ihre Zeit.

Interview geführt von Mag. phil. Nader Mohamed
verschriftet von Kirsten Mische

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