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08/04/2026
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Sicherheit im All – wie wir Europa im Weltraum verteidigen

Das Korrespondenten Cafe und – erstmals – der diplo.academy haben gemeinsam am 18. Februar 2026, zwischen18:00 Uhr und 20:00 Uhr in der österreichischen Botschaft, in der Stauffenbergstr. 1, 10785 Berlin eine Veranstaltung organisiert. Diese Veranstaltung war die Buchvorstellung und Diskussion: „SICHERHEIT IM ALL – WIE WIR EUROPA IM WELTRAUM VERTEIDIGEN“. Die Teilnehmer waren Prof. Dr. Heinrich Kreft und Dr. Nicolaus Hanowski (Ph.D. Earth and Planetary Sciences, der Leiter der Satelliten-Missionen der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Die Begrüßung und die Einführung hat der Journalist Ewald König übernommen, die Moderatorin war Gudrun Dometeit, die Chefredakteurin von diplo.news.

Zu dem Buch:

Das Buch „Sicherheit im All – Wie wir Europa im Weltraum verteidigen“ bietet eine umfassende Analyse der Sicherheitslage im Weltraum und die notwendigen Maßnahmen, um Europa in diesem strategisch wichtigen Sektor zu verteidigen. Die Autoren, die aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft stammen, haben konkrete Empfehlungen und Strategien skizziert, um die Sicherheit und Interessen Europas im Weltraum zu schützen.

Die Themen der Diskussion waren:

  1. Der US-Präsident Trump will 2028 wieder Astronauten auf den Mond schicken, einen ständigen Außenposten errichten und dabei China zuvorkommen.
  2. China wiederum plant zahlreiche Mars-Missionen und setzt spätestens 2040 auf fliegende Flugzeugträger als Teil seiner strategischen Luftverteidigung.
  3. Elon Musk, größter Satellitenbetreiber weltweit, träumt von Datenzentren im All.
  4. Der Kampf um den Weltraum hat längst begonnen. Aber wo steht Europa in diesem Wettrennen? Kann es mithalten?
  5. Wem gehört überhaupt der Weltraum? Und welche Folgen hat die Nutzung für Sicherheit und Umwelt?

Prof. Dr. Heinrich Kreft, der ehemalige deutsche Botschafter in Luxemburg, der Direktor eines Programms bei Diplomatic Academy des Auswärtigen Amts, Buchautor & Dozent der Diplomacy und International Relations an der Andrássy Universität Budapest hat die folgende Rede gehalten:

Meine Damen und Herren,

der Weltraum ist kein ferner Ort mehr. Er ist Teil unseres Alltags. Und er ist Teil unserer Sicherheit, Navigation, Kommunikation, Finanzmärkte, Energieversorgung, Katastrophenschutz, und militärische Führung. All das hängt heute vom Weltraum ab. Wenn Satelliten ausfallen, steht mehr still als uns bewusst ist. Der Weltraum ist damit zu einer kritischen Infrastruktur geworden. Und damit zu einer geopolitischen Sicherheitsdimension. Genau davon handelt dieses Buch.

1. Der Weltraum als geopolitische Sicherheitsdimension

Lange galt das All als neutraler Raum, als wissenschaftliche Sphäre und als Ort der Kooperation. Diese Zeit ist vorbei. Der Weltraum ist heute ein strategischer Raum. Er wird überwacht. Er wird militärisch genutzt. Und er wird vorbereitet auf Konflikte. Nicht, weil Europa das will, sondern weil andere es längst tun. Die Satelliten sind keine zivilen Objekte mehr, sie sind militärische Ziele, Kommunikationsknoten, Sensoren und Machtinstrumente. Wer den Weltraum kontrolliert, kontrolliert Informationen. Und damit Entscheidungen. Der Weltraum ist damit ein Teil moderner Abschreckung und ein Teil moderner Kriegsführung.

2. Globale Weltraumakteure: USA, China und Russland

Die drei Staaten prägen heute die strategische Ordnung im All.

Die USA sind führend technologisch, militärisch und kommerziell. Sie denken den Weltraum seit Jahren als „War-Fighting Domain“. Also als eigenständigen militärischen Operationsraum mit eigener Teilstreitkraft und klaren Doktrinen.

China holt schnell sehr schnell auf. Der Weltraum ist für China ein Schlüssel zur Großmachtstellung. Peking investiert massiv in Trägerraketen, Satelliten und Anti-Satelliten-Fähigkeiten. China denkt langfristig und strategisch.

Russland schließlich ist ein revisionistischer Akteur mit großer Erfahrung, aber begrenzten Ressourcen. Moskau setzt auf Störfähigkeit, Sabotage und Abschreckung durch Unsicherheit. Alle drei Akteure haben eines gemeinsam: Sie bereiten sich auf Konflikte im All vor. Europa tut das bislang nicht ausreichend.

3. Wo steht Europa?

Europa ist stark, aber nur auf den ersten Blick. Europa verfügt über exzellente Technologie, gute Wissenschaft und erfolgreiche Programme wie Galileo oder Copernicus, aber Europa ist strategisch, politisch, militärisch und industriell fragmentiert. Es gibt keine einheitliche europäische Weltraumdoktrin, keine gemeinsame Abschreckungslogik oder klare Verantwortung. Europa ist abhängig von amerikanischen Startdiensten, amerikanischer Technologie und amerikanischem Schutz. Diese Abhängigkeit ist bequem, aber sie ist gefährlich, denn Sicherheit, die man nicht selbst gewährleisten kann, ist keine echte Sicherheit.

4. Europas strategische Verwundbarkeit

Europa ist im Weltraum besonders verwundbar aus drei Gründen.

Erstens: Europa besitzt nur begrenzte Resilienz. Ein Ausfall weniger Satelliten hätte massive Folgen.

Zweitens: Europa hat kaum eigene Schutz- und Abwehrfähigkeiten im All, weder technisch, noch politisch klar legitimiert.

Drittens: Europa zögert aus historischen, rechtlichen und politischen Gründen. Doch Verwundbarkeit lädt zur Erpressung und zur Eskalation ein. Strategische Naivität ist heute kein moralischer Vorteil mehr. Sie ist ein Risiko.

5. Militärische Dimensionen und Rüstung im Orbit

Die Rüstung im Weltraum findet statt. Ob wir es wollen oder nicht. Die Satelliten können geblendet, gestört, manipuliert oder zerstört werden. Es gibt Anti-Satelliten-Waffen vom Boden aus, aus der Luft und aus dem All. Es gibt Cyberangriffe auf Bodensegmente und elektronische Kriegsführung gegen Signale. Das alles geschieht bereits, teilweise täglich unterhalb der Schwelle des offenen Konflikts. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wollen wir Militarisierung?“ Sondern: „Wie gehen wir mit ihr um?“. Das Ignorieren oder Regeln ohne Macht schützen nicht. Die Abschreckung ist kein Tabu. Sie ist eine Realität.

6. Normative Ordnungen und Weltraumrecht

Der Weltraum ist rechtlich geregelt, zumindest auf dem Papier. Der Weltraumvertrag von 1967 war ein Meilenstein. Er verbietet Massenvernichtungswaffen im All. Er schreibt die friedliche Nutzung fest. Aber er stammt aus einer anderen Zeit. Aus einer bipolaren Welt. Aus einer Welt ohne private Akteure. Heute ist das Weltraumrecht lückenhaft, unpräzis und schwer durchsetzbar. Was ist eine aggressive Handlung im All? Was ist die Selbstverteidigung? Was ist noch zivil, was schon militärisch? Diese Fragen sind offen. Und sie werden politisch instrumentalisiert. Das Recht braucht die Durchsetzungsfähigkeit, sonst bleibt es eine Dekoration. Europa sollte hier eine führende Rolle übernehmen. Aber realistisch, nicht naiv.

7. Der Einfluss privater Akteure

Der Weltraum ist nicht mehr staatlich dominiert. Private Akteure prägen ihn zunehmend, wie z.B. SpaceX, Blue Origin, Amazon, Start-ups in Europa und Asien. Private Unternehmen starten heute mehr Raketen als viele Staaten zusammen. Das verändert die Machtstrukturen und die Verantwortlichkeiten. Wer haftet bei Schäden? Wer kontrolliert sicherheitsrelevante Daten? Wer entscheidet im Krisenfall? Diese Fragen sind nicht geklärt. Und sie sind hochrelevant, auch juristisch. Der Staat zieht sich zurück. Aber die Sicherheit bleibt staatliche Aufgabe. Hier braucht es klare Regeln und klare Rollen.

8. Deutschlands und Europas Aufholjagd im Weltraum

Europa hat begonnen zu spät, aber nicht zu spät umzudenken. Deutschland investiert stärker in Raumlageerfassung, militärischen Satelliten und in der europäischen Kooperation. Die EU entwickelt die ersten sicherheitspolitischen Instrumente. Der Weltraum ist ein Teil der Sicherheitsstrategie geworden. Das ist richtig, aber es reicht nicht. Europa muss schneller, entschlossener und strategischer werden. Die Koordination zwischen EU, ESA und nationalen Programmen ist entscheidend.

9. Eine ambitionierte europäische Raumfahrtstrategie

Europa braucht eine klare Strategie, nicht zehn Papiere. Diese Strategie muss drei Ziele haben: Erstens: Autonomie, i.e. Zugang zum All und unabhängige Systeme. Zweitens: Resilienz, i.e. Schutz kritischer Infrastruktur, Redundanzen und schnelle Ersatzfähigkeit. Drittens: Handlungsfähigkeit, i.e. Politisch, Rechtlich und Militärisch. Eine Strategie bedeutet Prioritäten und Prioritäten kosten Geld.

10. Mehr Marktwirtschaft in der europäischen Raumfahrt

Europa ist zu langsam, zu bürokratisch und zu staatlich. Der New-Space-Ansatz funktioniert auch in Europa, wenn man ihn lässt. Der Wettbewerb schafft Innovation. Die Innovation schafft die Sicherheit. Der Staat muss steuern, aber nicht alles selbst machen. Die öffentlich-privaten Partnerschaften sind kein Risiko, sondern eine Notwendigkeit. Europa muss seine Industrie stärken und nicht behindern.

11. Autonome Verteidigungsfähigkeit im Weltraum

Am Ende geht es um eine einfache Frage: Kann Europa sich selbst schützen? Auch im Weltraum? Autonomie heißt nicht Autarkie (Anmerkung der Redaktion: wirtschaftliche Unabhängigkeit eines Privathaushalts, einer Region oder eines Staates durch die vollständige oder teilweise Selbstversorgung mit Gütern und Dienstleistungen), aber sie heißt Entscheidungsfreiheit. Europa muss in der Lage sein, Bedrohungen zu erkennen, Angriffe zuzuordnen und angemessen zu reagieren. Nicht aggressiv, aber glaubwürdig. Die Verteidigungsfähigkeit ist kein Widerspruch zu Recht. Sie ist dessen Voraussetzung.

Meine Damen und Herren, der Weltraum entscheidet nicht über alles. Aber ohne ihn funktioniert fast nichts mehr. Dieses Buch ist kein Alarmismus. Es ist eine nüchterne Analyse. Es fordert nicht Militarisierung. Es fordert Verantwortung. Europa steht an einem Wendepunkt. Auch im All. Die Frage ist nicht, ob wir handeln müssen. Die Frage ist, ob wir es rechtzeitig tun.

Vielen Dank.

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