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14/07/2024
HomeBerlinDer Inspekteur der Marine: Deutschland hat jetzt die kleinste Marine in ihrer Geschichte, nur 48 Schiffe

Der Inspekteur der Marine: Deutschland hat jetzt die kleinste Marine in ihrer Geschichte, nur 48 Schiffe

BKZ hat ein Interview mit dem Inspekteur der deutschen Marine, dem Admiral Jan Christian Kaack, im creative bureaucracy festival 2024 geführt.

BKZ: Guten Tag, wer sind Sie und warum sind Sie heute da?

Kaack: Hallo, mein Name ist Jan Christian Kaack und ich bin der Inspekteur der Deutschen Marine. Und ich schaue mich hier einmal auf diesem Festival um, um neue Inspiration zu bekommen und auch, um unsere eigenen Beiträge hier mal zu begutachten, wie die ankommen und was man vielleicht weiterentwickeln kann.

BKZ: Was sind die Innovationen in der Marine, die bei Ihnen in den letzten Jahren eingeführt wurden?

Kaack: Ich glaub’, die größte Innovation war mit dem Bereich „IDEA“, also Innovation durch Digitalisierung, Empowerment, Agilität – ein Thema, das möglich macht, es zu schaffen, indem sich junge Entrepreneure und auch Menschen mit coolen Ideen einfach melden können und da einen zentralen Ansprechpartner haben, um dann Projekte auch weiter vorantreiben zu können.

BKZ: Welche Prozesse und Praktiken müssen Sie hier neu überdenken – in der Verwaltung, der Digitalisierung, beim Personal?

Kaack: Im Grunde müssen wir alles mal überdenken, weil die Prozesse, die wir uns in den letzten zwanzig Jahren gegeben haben, eben im tiefsten Friedensbetrieb aufgestellt wurden und jeder Bereich hat da aus seiner Sicht was Tolles dazugepackt, aber wenn man die Gesamtsicht anguckt, ist dieser Kuchen nicht mehr essbar. Und sich deshalb die Gedanken zu machen „Wie entschlacken wir das wieder?“ um schneller zu werden, agiler und kriegstüchtiger, ist, glaube ich, eine ganz wichtige Aufgabe gerade für die Streitkräfte.

BKZ: Spielt die künstliche Intelligenz jetzt eine Rolle bei der Deutschen Marine oder noch nicht?

Kaack: Künstliche Intelligenz wird in vielen Formen genutzt. Wir stellen uns darauf ein, wir haben ein zukunftsweisendes Papier erstellt, nennt sich „Kurs Marine 2035 plus“, in dem der Umstieg auf künstliche Intelligenz und unbemannte Systeme ein ganz wesentlicher Faktor ist. Wir nutzen das aber auch im Tagtäglichen, in der Auswertung von Massendaten. Wir beschäftigen uns auch mit Large Language Models und dergleichen mehr. Ohne KI ernstzunehmen kann in dieser heutigen Welt sicherlich keiner mehr bestehen.

BKZ: Ist die deutsche Marine von dem demografischen Wandel betroffen, also wenig Personal, wenig Leute, wenig Soldaten?

Kaack: Wie jeder Bereich sind auch wir davon betroffen. Allerdings kann ich sagen, dass wir auch mit Hilfe von IDEA, was ich ja angesprochen habe, auch mit vielen, vielen Entrepreneuren und Ideengebern geschafft haben, durch eigene Maßnahmen, aber auch durch Maßnahmen, die im Ministerium durch die Task Force eingeleitet wurden, jetzt eine erste Trendwende hinzubekommen. Wir haben im Vergleich zum letzten Jahr einen deutlichen Anstieg an Einplanungen junger Menschen, die sich dem Zauber der Marine hingeben. Und wir sind auch deutlich besser geworden in der Bindung der Menschen, die bereits bei uns sind.

BKZ: Hat die Deutsche Marine eine gute Flotte? Also, die großen Schiffe bei den Amerikanern, Russen oder Chinesen habe ich gegoogelt und ich finde, die Deutsche Marine hat seit 2003 keinen Zerstörer oder anderes riesiges Schiff gibt es nicht, oder?

Kaack: Das ist richtig. Wir haben unseren Platz, wir sind ’ne Bündnismarine. Wir sind allerdings auch die kleinste Marine in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland mit 48 Flaggenstöcken. Als ich dazukam, waren wir, glaube ich, bei 180 oder 200. Gleichwohl kommt es ja auf die Effekte an, die wir für die Verteidigung Deutschlands und unserer Menschen bereitstellen können. Und da ist dieser „Kurs Marine 2035 plus“ nämlich genau der Weg, den wir gehen wollen. Auf dem Weg dahin – und jeder weiß, was zurzeit in der Welt passiert, sei es im Roten Meer oder anderswo – auf dem Weg dahin haben wir mit denen … müssen wir die einhalten, die wir zurzeit haben, die Schiffe, auf einen Stand bringen, dass sie mit den modernen Szenarien auch zurechtkommen, und das tun wir auch sehr kurzfristig.

BKZ: Letzte Frage: Was halten Sie von einem gemeinsamen Projekt mit den baltischen Ländern oder skandinavischen Ländern wegen der Bedrohung aus Russland eine gemeinsame Ostseeflotte zu gründen, so dass alle Länder eine Rolle spielen? Sonst werden die Nachbarn noch mal Angst vor Deutschland haben. Was meinen Sie zu einem gemeinsamen Projekt für die ganze Ostsee?

Kaack: Ja, das gibt es, dieses Projekt, das haben wir initiiert. Und wir werden zum 01.10. die regionale Führung im Ostseebereich übernehmen mit dem sogenannten „Commander Task Force Baltic“ zur Koordination der Kräfte im Raum, aber auch zum Führen im Bedarfsfall. Wir sind gerade zurzeit dabei, den Operationsplan für die Ostsee mit den Anrainern zu schreiben, was auch Auswirkungen haben wird auf die Kräfteplanung. Und das ganze basiert auf einer tiefgehenden Freundschaft, die wir seit 2015 aufgebaut haben, wo wir Kooperationen aufgebaut haben, Partnerschaften, Austausch von Menschen. Heute finden Sie einen estnischen Minenabwehrstab auf einem deutschen Führungsschiff, der einen NATO-Minenabwehrband führt, oder ein litauisches Boarding-Team, was auf einer deutschen Fregatte fährt. Die Menschen kennen sich und das ist tief. Und mein Motto ist immer„You need to know people before you need people“.

BKZ: Vielen Dank für Ihre Zeit.

Kaack: Sehr gerne.

Interview geführt von Mag. phil. Nader Mohamed
verschriftet von Kirsten Mische

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