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01/12/2022
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Zur Geschichtspolitik Putins:

Was kommt zuerst?

Kommt erst der Krieg und dann die historische Rechtfertigung oder kommt die historische Rechtfertigung und dann der Krieg?

Juliane Fürst ist seit August 2018 Co-Leiterin der Abteilung I „Kommunismus und Gesellschaft'“ am Zentrum für Zeithistorische Forschung

BKZ: Guten Abend, wer sind Sie?

Fürst: Guten Abend, mein Name ist Juliane Fürst, ich bin Historikerin und arbeite am Zentrum für zeithistorische Forschung in Potsdam und Privatdozentin an der Humboldt-Universität in Berlin.

BKZ: Wo haben Sie studiert?

Fürst: Oh, ich habe in England studiert. Ich fing in Heidelberg an, ging dann aber nach Oxford und später an die London School for Economics. Dort schrieb ich meine Doktorarbeit, und dann hab‘ ich lange an den Unis in Oxford und in Bristol gearbeitet.

BKZ: Aber Ihre Doktorarbeit war über Stalin.

Fürst: Meine Doktorarbeit ging tatsächlich über die Jugend unter Stalin, und zwar die Nachkriegsjugend, also die Jugend, die nicht mehr im Krieg gekämpft hat.

BKZ: Und warum sind Sie heute hier?

Fürst: Ich nehme an, weil ich Historikerin bin.

BKZ: Ich meine, zu welchem Event hier?

Fürst: Hier gab es ein Expertengespräch über einen Report über die russische Geschichtspolitik, geschrieben von zwei jungen polnischen Politikwissenschaftlerinnen. Ich wurde eingeladen, um den Report zu kommentieren.

BKZ: Man hörte heute, dass Putin die Geschichte für eigene Zwecke missbraucht. Kann man das so sagen?

Fürst: Ja, obwohl natürlich in gewisser Hinsicht fast alle Politiker die Geschichte missbrauchen. Es ist jedoch wahr, dass es mittlerweile eine sehr gut konzertierte Kampagne gibt, um der russischen Bevölkerung ein gewisses Geschichtsbild zu vermitteln – und zum Teil auch einer internationalen Zuhörerschaft. Putin nimmt auf dieses Geschichtsbild direkten Einfluss. Er hat sich ja auch schon selbst jetzt mehrmals historisch geäußert – vor allem zu Fragen was die Ukraine anbelangt, aber auch zu Aspekten des 2. Weltkrieges, was eigentlich sonst eher ungewöhnlich ist für einen Politiker.

BKZ: Aber wir sehen, wie gefährlich das für Georgien oder für die Ukraine war.

Fürst: Naja, also, es fragt sich immer: Was kommt zuerst? Kommt erst der Krieg und dann die historische Rechtfertigung oder kommt die historische Rechtfertigung und dann der Krieg? Die Geschichtspolitik ist sicher ein Teil eines Narratives, mit dem Putin seine aggressive Außenpolitik vor allen Dingen gegenüber der Ukraine rechtfertigt …. Aber hier geht es um Geschichtskonstruke, die kommen schon aus der Sowjetunion und zum Teil sogar noch länger her. Hier geht es um Mentalitäten, die ganz lange schon geformt worden sind.

BKZ: Aber es wird eine Fortsetzung geben, also die Großeltern erziehen ihre Enkel und gehen sie nicht gegen die Starken, dann bleibt alles beim Alten. Oder gibt es irgendwann einen Wechsel?

Fürst: Naja, also jede Generation manipuliert natürlich, also es gibt nie … das ist wie der Virus. Sobald er sich weiterpflanzt, gibt es immer eine kleine Manipulation und das heißt auch, dass sich die Mentalität immer ein bisschen ändert, weil jede Generation hat ihren eigenen historischen Kontext. Also man kann nicht sagen, dass seit 1917 oder seit 1856 oder was auch immer, denken alle Russen das Gleiche, davon abgesehen, dass natürlich nie alle Russen das Gleiche denken. Und auch in der Geschichtspolitik gibt es nicht nur Konstruktion sondern auch Rezeption, und das heisst, dass Individuen immer selber raussuchen, was sie annehmen möchten und was nicht. Aber natürlich – wenn schon im Kindergarten, in der Schule so konzertiert ein bestimmtes Geschichtsbild gepflegt wird, dann ist es natürlich sehr schwer, aus diesem Geschichtsbild herauszudenken.

BKZ: Aber das Thema ist zu komplex, irgendwie ist es nicht nur Erziehung, es sind viele Institutionen, die Medien, viele Filme über Geheimdienste, die Geheimdienstler vom KGB retten die Welt und Russen und die Kirche auch segnet die Akten oder was das Militär in Russland macht. Oder sind Sie anderer Meinung?

Fürst: Als Historikerin weiß man, dass das auch andere Staaten es nicht soviel anders machen. Zum Beispiel die Liebe zu Geheimdienstfilmen oder Geschichten, in denen die eigenen Soldaten oder die eigenen Leute die Welt retten, das sind natürlich  Sachen, die kommen schon aus dem Kalten Krieg, und zwar sowohl aus dem Osten, als auch aus dem Westen. Was interessant ist, und das wurde ja heute auch angesprochen, sind dann die Sachen, über die nicht gesprochen wird, also die verschwiegen werden, weil sieeben nicht in dieses Bild des Heroischen und des ewig Siegreichen reinpassen. Es wird zum Beispiel immer weniger über die stalinistischen Verbrechen geredet wird oder sie werden gerechtfertigt. Oder es wird über gewisse andere Epochen in der Geschichte gar nicht geredet oder nur sehr negativ, dass gewisse .. gewisse historische Fakten nicht gewürdigt werden, während andere Fakten mehr gewürdigt werden. Historische Manipulation passiert auf vielen Ebenen und in vielen Weisen und aber das Schweigen ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Manipulation. Es ging ja heute auch über das möglichen Verbot von Memorial. Memorial hat sich ja immer als eine Organisation gesehen, die dieses Schweigen durchbricht, al seine Organisation gegen das Vergessen. Was gesagt wird, ist wirklich nur die Hälfte. Was nicht gesagt wird, ist fast genauso wichtig. 

BKZ: Also die Erinnerungskultur in Russland geht nur in eine Richtung, die Richtung, die die Starken wollen, kann man das so sagen?

Fürst: Ja, also es gibt halt ein bestimmtes Geschichtsbild und dieses Bild ist geprägt von Macht und Ruhm. Die individuellen tragischen Schicksale, die es ja auch zuhauf gibt, die werden zumeist ausgeblendet.

BKZ: Letzte Frage: Können Sie als Historikerin auch von der Geschichte lernen und wissen Sie, wie die Lage sich später in Russland entwickelt? Wie wird Russland nach Putin aussehen? Er ist seit 20 Jahren an der Macht und bleibt nicht für immer und ewig, oder?

Fürst: Naja, niemand bleibt für immer und ewig, das ist schon mal klar. Historiker können der Zukunft oder der Zukunftsdeutung behilflich sein, aber wir sind keine Wahrsager. Deswegen, ja.. aus der Geschichte lernen, heißt eigentlich zu wissen, dass fast nichts so ist, wie es auf den ersten Blick aussieht. Brüche, die wie Brüche ausschauen, sind oft gar keinen wirklichen Brüche. Als Historikerin kann ich nicht sagen, wie Russland genau aussehen wird, aber dass es sich nicht einfach über Nacht ändern wird, das ist natürlich selbstverständlich.

BKZ: Vielen Dank für Ihre Zeit, danke schön.

Interview geführt von Mag. phil. Nader Mohamed
verschriftet von Kirsten Mische

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