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29/09/2022
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Gedenkstätte Leistikowstraße: Dr. Axel Drecoll spricht zum 76. Gedenktag

Dr. Axel Drecoll (Direktor und Leiter der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen):
Wir kommen heute zusammen, um an diejenigen Frauen und Männer zu erinnern, die in diesem Haus unter menschenunwürdigen Bedingungen monatelang festgehalten wurden. Sie waren Verhören mit Folter und Gewalt ausgesetzt, völlig auf sich alleingestellt, ohne Rechtsbeistand, ohne russische Sprachkenntnisse, verurteilt zu harten Haftstrafen oder sogar zum Tode. Gedenken und Erinnern braucht einen Ort, den wir hier haben und das mag ja häufig selbstverständlich anmuten, aber ich glaube, man muss es doch immer wieder betonen, es war eben tatsächlich direkt hier hinter mir, dass sich das ereignet hat. Ich glaube, dass muss man sich auch immer wieder als Konkretisierung vor Augen führen. Und Gedenken und Erinnerung sollten sich auf ein Datum beziehen, das die Erinnerung an Gewalt und Tod mit dem spezifischen Ort und seiner Geschichte verbindet.

Für die Gedenkstätte Leistikowstraße ist der 15. August ein solches Datum. Heute vor 76 Jahren, am 15. August 1945, übernahm die sowjetische Militärspionageabwehr die Liegenschaft Leistikowstraße 1, den Sitz der evangelischen Frauenhilfe. Die Übernahme dauerte zwei Tage, nachdem am 13. August der Räumungsbefehl ergangen war. Der damalige geschäftsführende Pfarrer der Frauenhilfe Wilhelm Brandt bemühte sich den Räumungsbefehl rückgängig zu machen, um Spielräume für die Frauenhilfe auszuloten und infolge des Kompetenzwirrwarrs zwischen den unterschiedlichen sowjetischen Kommandanturen und der Stadtverwaltung Potsdam wurde tatsächlich zunächst die Räumung immer wieder unterbrochen. Brandt hielt die Ereignisse in einer Aktennotiz fest, die wegen ihrer Relevanz für diesen Ort auch in der ständigen Ausstellung gezeigt wird.

Lange war unklar, wann genau die Räumung schließlich vollzogen wurde. Dank neuer Quellenfunde besteht nunmehr tatsächlich Klarheit. Else Hoffmann, die Mutter einer Dolmetscherin und späteren Inhaftierten, Marliese Steinert, die häufiger auch zum Gegenstand hier der pädagogischen Arbeit war, ist und auch nach wie vor sein wird, notierte in ihrem Taschenkalender 13. August: „Viele werden ausgesiedelt. Arbeit für Marliese.“ Und einen Tag später notiert sie: „Pastor Brandts Sachen werden verschleppt, schwere Nacht für Marliese.“ Die Räumung dauerte also bis in die Nachtstunden des 14. Augustes hinein. Nachdem das Haus geräumt war, stellte die Frauenhilfe zum 15. August ihre Mietzahlungen an den evangelisch-kirchlichen Hilfsverein ein. Ein Schreiben des Magistrats der Stadt Potsdam belegt die sowjetische Inbesitznahme ab dem 15. August 1945. Danach begann der Leidensweg für die vielen Inhaftierten.

Der 15. August ist aber nicht nur ein Datum, um an den Beginn von Unrecht und Menschenrechtsverletzungen zu erinnern, wie sie hier so häufig vorgekommen sind, sondern auch ein Datum, um das zu würdigen, was ein gutes Stück unsere demokratische Gesellschaft und unsere Erinnerungskultur auch ausmacht und ausmachen sollte. Nämlich zivilgesellschaftliches Engagement. Am 15. August 1994 wurde das ehemalige Militärstädtchen Nummer 7 und mit ihm das ehemalige Gefängnis der Öffentlichkeit übergeben. Damit erhielt die Zivilgesellschaft erstmals nach über 40 Jahren wieder Zutritt zu diesem Areal. Schnell entwickelte sich unter Beteiligung des kirchlichen Hilfsvereins, dem Grundstückseigentümer, eine zivilgesellschaftliche Initiative für den Erhalt des Ortes und als Gedenkstätte. Er gipfelte in der Gründung der Stiftung „Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße“ im Dezember 2008. Die Presse schrieb damals von einer, ich zitiere: „Schule der Demokratie.“ Möge es uns in diesem Sinne auch in Zukunft gemeinsam gelingen die lebendige Erinnerungs- und Gedenkkultur an diesem Ort wachzuhalten und weiterzuentwickeln. Und natürlich vor allem mit der Hilfe ehemaliger Inhaftierter, deshalb nochmal ganz herzlichen Dank für Ihr Kommen, lieber Herr Klausch. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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