Herr Jan Tombiński, Geschäftsträger ad interim der Republik Polen in der Bundesrepublik Deutschland
Anlässlich des 81. Jahrestages des Ausbruchs des Warschauer Aufstands organisierten die Botschaft der Republik Polen in Berlin, das Museum des Warschauer Aufstands, das Polnische Institut in Berlin, die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und das Pilecki-Institut in Berlin eine Gedenkveranstaltung vor der Polnischen Botschaft. Die Teilnehmer wollten gemeinsam an das Leben, den Mut und das Opfer der Aufständischen von 1944 erinnern, während die Fassade der Botschaft mit historischen Fotografien des Warschauer Aufstands illuminiert wurde. Herr Jan Tombiński, Geschäftsträger ad interim der Republik Polen in der Bundesrepublik Deutschland, richtete einige einführende Worte an das Publikum, bevor Auszüge aus Tagebüchern von Aufständischen vorgelesen wurden und das Ensemble „Surowica“ Lieder aus dem Aufstand zu Gehör brachte.
Das war am 01.08.2025 um 21.15 Uhr| vor der Polnischen Botschaft in Berlin (Unter den Linden 70). Die Veranstaltung dauerte ca. 90 Minuten. Die Kuratorin und Regisseurin der Veranstaltung war Anna Krenz.
Inmitten der Trümmer der Stadt entstand damals eine starke Gemeinschaft. In den Kanälen, auf den Barrikaden und in den Lazaretten standen Menschen einander bei. Seite an Seite kämpften Soldaten und Sanitäterinnen, Pfadfinder, Zivilisten und Künstler. Jede und jeder hatte eine Aufgabe. Jede und jeder war wichtig. Frauen übernahmen zentrale Rollen. Sie versorgten Verwundete, überbrachten Meldungen und spendeten Hoffnung. Häufig griffen auch sie zu den Waffen. Der Warschauer Aufstand war zugleich Tragödie und Ausdruck tiefster Entschlossenheit. Es war eine blutige Lektion der Geschichte, aber auch ein Symbol für das größte Streben: Dass Polen frei sein möge und niemand den Menschen ihr Recht auf ein Leben in Würde nehmen darf.
Die Veranstaltung hat für viele Polinnen und Polen, insbesondere für jene, die in Berlin leben, eine besondere Bedeutung. Der Warschauer Aufstand steht für Unbeugsamkeit, den Einsatz für Freiheit und das Vertrauen in eine bessere Zukunft. Der Gedenkabend in der deutschen Hauptstadt sollte das Heldentum der Aufständischen würdigen und gleichzeitig an universelle Werte erinnern. Werte wie Mut, Solidarität und Menschlichkeit, die Menschen verschiedenster Herkunft miteinander verbinden.
Der Blick auf die Ereignisse von damals soll nicht zu einer romantisierenden Verklärung von Leid führen. Vielmehr geht es um das Erinnern und das Bewusstsein dafür, wie kostbar Freiheit ist. Demokratie, Menschenrechte und nationale Souveränität sind verletzlich. Umso wichtiger ist es, sie nicht nur in Zeiten der Bedrohung zu verteidigen, sondern auch im Alltag. Das bedeutet, die Wahrheit zu sagen, Schwächere zu unterstützen und eine Gemeinschaft zu gestalten, die auf Empathie und Solidarität gründet – nicht auf Hass und Ausgrenzung.
Berlin ist eine Stadt mit eine facettenreichen Geschichte und gilt heute als Symbol der Versöhnung. Genau deshalb ist sie ein besonderer Ort, um des Warschauer Aufstands zu gedenken. Das Ziel der Veranstaltung war es auch, diese Geschichte mit der internationalen Gemeinschaft zu teilen und den Austausch zwischen Kulturen und Generationen zu fördern.
Am 1. August 1944 begann um 17 Uhr der Warschauer Aufstand.
In der größten bewaffneten Untergrundaktion im vom nationalsozialistischen Deutschland besetzten Europa kämpften die Aufständischen neun Wochen lang gegen die deutsche Besatzungsmacht und für ein freies, demokratisches Polen, also auch für ein freies Europa. Eine bekannte Parole des Aufstands lautete:
»Wir wollten frei sein und uns diese Freiheit selbst verdanken.« – Vize-Ministerpräsident der polnischen Exilregierung, Jan Stanislaw Jankowski:
„Wir wollen der Aufständischen gedenken und gemeinsam Lieder des Warschauer Aufstands singen. Diese Lieder sollen zugleich Erinnerung, Gedenken, Geschichtsvermittlung und Mahnung sein. Der Warschauer Aufstand war ein mutiger und aufrichtiger, letztlich aber schmerzlich ungleicher Kampf, den die Polnische Heimatarmee führte. Er kostete Hunderttausende Polinnen und Polen das Leben.
Viele der Aufständischen – ebenso wie zahlreiche Zivilistinnen und Zivilisten – wurden verschleppt, zur Zwangsarbeit gezwungen oder starben in deutschen Konzentrationslagern. Nach der Niederschlagung wurde die Stadt systematisch dem Erdboden gleichgemacht – von deutschen Spezialeinheiten mit Dynamit und schwerer Artillerie, über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten.
Die militärische Bilanz war verheerend: Rund 18.000 Aufständische wurden getötet, weitere 25.000 verwundet. Etwa 3.500 Soldaten der 1. Infanterie-Division „Tadeusz Kościuszko“ fielen ebenfalls. Die Zahl der zivilen Todesopfer wird auf bis zu 150.000 geschätzt. Die verbliebenen 500.000 Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt wurden vertrieben.
Zwischen der Kapitulation am 2. Oktober 1944 und dem 16. Juni 1945 wurde ein noch größerer Teil der Bebauung zerstört als während der Kämpfe selbst. Warschau verzeichnete während des Zweiten Weltkriegs die höchsten prozentualen Verluste aller europäischen Städte.
Herr Jan Tombiński, Geschäftsträger ad interim der Republik Polen in der Bundesrepublik Deutschland,hielt die folgende Rede:
„ Der Aufstand dauerte lange 63 Tage und wurde zu einer der größten Städteschlachten der Geschichte. Jedes Jahr am 1. August gedenken die Polen der Opfer des Aufstandes, aber auch erwägen die Botschaften dieses Kampfes. In Berlin haben wir uns für eine öffentliche Veranstaltung entschieden, um nicht im Kreis der Vertrauten in einem Konferenzsaal über die vergangenen Ereignisse zu sprechen. Im Zentrum Berlins in der Nähe vom Brandenburger Tor möchten wir der Opfer und Helden des Aufstandes gedenken. Und die Fassade der neuen Botschaft fügt sich sehr gut als Bildschirm für die Bilder, die an die Aufständischen erinnern. Ich bin den zahlreichen Polen und Freunden von Polen für das Kommen zutiefst dankbar. Sie wissen sehr gut, wie wichtig die Erinnerung an den Warschauer Aufstand für das kollektive polnische Bewusstsein ist, und wie wichtig es ist, an Warschau als einzige Hauptstadt zu erinnern, die im 2. Weltkrieg zum Schauplatz von zwei Aufständen wurde, dem Aufstand im Ghetto im April 1943 und dem Warschauer Aufstand im August und September 1944.
Die beiden Aufstände brachten keinen Sieg auf dem Kampfplatz, sie endeten mit Hekatombe der Zivilen und Aufständischen, wie auch Zerstörung der Stadt. Die Tragödie der Aufstände hat jedoch die neuen Generationen dazu berufen, die Freiheit, die menschliche Würde und die Unabhängigkeit über das eigene Leben zu schätzen. An die vielen Passanten Unter den Linden heute Abend, die nichts oder wenig vom Warschauer Aufstand gehört haben, will ich sagen: Damals ging es um das Überleben der polnischen Nation, aber auch um die menschliche Fähigkeit, Gräueltaten zu begehen. Der Mensch ist zum Heroismus und grenzenloser Opferbereitschaft fähig. Er kann aber auch zum Henker und skrupellosen Ausrichter der widrigsten Befehle werden.
Als der Aufstand begann, war Warschau schon seit fünf langen Jahren unter der deutschen Besatzung und mit allen möglichen Formen der Unterdrückung konfrontiert. Das Schicksal des Krieges schien jedoch im Sommer 1944 angesichts des Vorrückens der Roten Armee von Osten und der westlichen Alliierten von Westen und Süden besiegelt. Ziel des Aufstandes war es, die Hauptstadt Warschau mit den polnischen Händen und Waffen zu befreien und als Herr im eigenen Hause über die Zukunft zu entscheiden. Man hoffte darauf, dass sich die deutschen Truppen auf die Verteidigung der Reichsgrenzen konzentrieren und Warschau verlassen, um die unnötigen Verluste zu vermeiden. Dieses Kalkül erwies sich leider falsch. Nach der Euphorie der Siege der ersten Tage des Aufstandes folgten lange Wochen der dramatischen Kämpfe zwischen gut bewaffneten deutschen Truppen und den unterausgerüsteten Aufständischen mit Pistolen gegen Panzer und Maschinengewehre. Der Aufstand hat fast keine Unterstützung von außen bekommen.
Die Rote Armee, die inzwischen am rechten Ufer der Weichsel stand, verweigerte auch den polnischen Soldaten in ihren Reihen, dem Aufstand zu helfen. Die eingekesselten Auständischen begriffen sich trotz der aussichtslosen Lage als Teil des gesamten Kampfes der Alliierten gegen die Hitler-Regime. Zu den ergreifendsten Beweisen dafür galt die Radiobotschaft aus dem kämpfenden Warschau zur Befreiung von Paris am 25. August 1944. Die Bilanz des Aufstandes war dramatisch: Mindestens 180.000 Opfer unter der Zivilbevölkerung, bis 20.000 unter den Aufständischen. Kurz nach der Kapitulation des Aufstandes am 3. Oktober 1944 erteilte Heinrich Himmler den Befehl zur vollständigen Zerstörung der Stadt Warschau.
Die noch in der Stadt verbliebenen Einwohner mussten gehen. In den folgenden Tagen und Wochen verwandelten die Truppen der Wehrmacht die wichtigste polnische Metropole in einen Trümmerhaufen. Die Verantwortlichen für die Ermordung der Zivilisten in Warschau entgingen in der Regel ihrer Verantwortlichkeit wie SS-Gruppenführer Heinrich Reinefarth, der die Massaker vom Stadtviertel Wola befahl und vollzog. Die Operation wurde zur größten organisierten Vernichtung der Zivilisten während des Krieges. Mindestens 15.000 Männer, Frauen und Kinder wurden kaltblütig getötet. Heinrich Reinefarth wurde aber wenige Jahre nach dem Kriege zum Bürgermeister der Stadt Westerland auf der Insel Sylt, wo er auch ungestört bis zum Tode im Jahre 1979 lebte. Dies illustriert deutlich, warum die Wunden des Krieges bis heute noch bluten und nach Gerechtigkeit rufen. Die dauerhafte Botschaft des Aufstandes gehört zu den Gründungsmythen vom heutigen Polen.
Mit der Befreiung von Warschau wollten die Aufständischen zeigen, dass Polinnen und Polen Herren im eigenen Lande sind, dass wir bereit sind, mit allen Mitteln unsere Freiheit und Souveränität zu verteidigen, dass die Ehre und nationaler Stolz mehr wiegen als das Leben. Gerade aus dem Grund wollten die kommunistischen Behörden die Erinnerung an den Aufstand aus den Schulen und der gemeinsamen Wahrnehmung verbannen. Viele von den Warschauer Aufständischen wurden in den Nachkriegsjahren den Repressalien ausgesetzt. Erst Jahrzehnte nach dem Kriege wurde der Warschauer Aufstand als Grundstein der polnischen Staatlichkeit anerkannt.
Mit der heutigen Veranstaltung wollen wir auch in Berlin, woher der Krieg mit seinem Übel und den Gräueltaten auf Polen und Europa kam, wieder an das Leid der von den Kriegen betroffenen Menschen erinnern. Egal, ob in der Ukraine, im Nahen Osten, in Afrika oder Asien genügt es nicht, „Nie wieder!“ zu wiederholen. Im Notfall muss der Frieden und die Freiheit erkämpft werden. Konfrontiert mit dem Bösen darf der Mensch nicht gleichgültig bleiben. Im Andenken an die Opfer des Warschauer Aufstandes bitte ich Sie alle um eine Weile der Stille, so wie wir es in Polen an jedem 1. August um 17 Uhr zu tun pflegen. Ich bedanke mich bei Ihnen, danke!“.
Am Rande der Veranstaltung hat die Berliner Kriminalitätszeitung das folgende kurze Interview mit Herrn Jan Tombiński geführt:
BKZ: Wer sind Sie und warum sind Sie heute da?
Tombiński: Der erste August ist ein wichtiger Tag in der polnischen Geschichte. Wir erinnern an den Ausbruch des Warschauer Aufstandes am 01.08.1944, als die polnischen Aufstandskämpfer die Hauptstadt Polens von den deutschen Besatzern befreien, bevor die sowjetischen Truppen in Warschau eingehen, um in dem eigenen Zuhause zu sein und über unsere Zukunft selbst zu entscheiden.
BKZ: Die Schicksale Polens und Europa hangen immer zusammen. Immer war es ein freies Polen bedeutet ein freies Europa. Stimmt das?
Tombiński: Ja, wir können so sagen. Es sind auch andere Länder, die die Geschichte von Europa prägten und die Schicksale von Europa gestalteten. Also Unabhängigkeit, Souveränität und Freiheit Polens sind ein Bestandteil Europas. Das wollen wir auch immer in Erinnerung haben und dafür sind wir auch heute hier, um an die zu gedenken, die ihr Leben dafür gegeben haben.
BKZ: Im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine kann man sagen, Polen ist die letzte Bastion der freien Welt gegen die Träume von Vladimir Putin?
Tombiński: Heute ist die Ukraine die Barrikade gegen das Verrücken des russischen Imperialismus und aus dem Grund wollen wir alles tun, um die Ukraine zu unterstützen.
Der Bericht wurde von Mag. phil. Nader Mohamed erstattet
und von Kirsten Mische revidiert





